Europäische Boheme im Osmanenreich in der thessalischen Provinz: das dekadente Leben eines illustren Schweizer Ehepaars in einem griechischen Dorf

 Eine besondere Entdeckung im Diachronen Museum Larissa ist die  Sonderausstellung, die wir noch am letzten Eröffnungstag erleben konnten. Titel der Ausstellung: „Choro-Grafies: die malerische Ausschmückung des Herrenhauses der Favres in Metaxochori bei Aghia“.

„Choro-Grafies“ ist dabei ein Wortspiel: es erinnert einerseits an die Choreographie, meint aber „Raum-Malerei“, gemeint ist die malerische Ausstattung von Innenräumen eines stark verfallenen ehemaligen Herrenhauses aus dem vorletzten Jahrhundert, dessen sterbliche Hülle sich im Eingang des kleinen, malerischen Ortes Metaxochori, oberhalb von Aghia, etwa 40 km östlich Larissa, befindet. 1872, noch immer gehörte Thessalien zum Osmanischen Reich, erhielt der kleine Ort, dessen Bewohner in erster Linie von der Seidenzucht lebten (Metaxochori bedeutet „Seidendorf“) illustren Zuzug: Der wohlhabende schweizer Bankier, Baron Eugene Favre und seine französische Frau Stefania, eine ehemalige Tänzerin aus dem Pariser Moulin Rouge, gaben sich die Ehre. Die gute Luft, die bezaubernde Hanglage des Ortes mit dem weiten Blick über die Thessalische Ebene gaben wohl den Ausschlag, sich hier niederzulassen, ferner winkten Geschäfte mit Wolle und Seide. Mindestens vier Manufakturen errichteten sie im Ort: für Seide, für Kerzen, Seife und eine für Nudeln. Sie brachten kosmopolitisch westliche-mondäne Kultur in den noch stark orientalisch geprägten Südosten Europas. Mit ihrer Lebensart dürften sie einen merkwürdigen Eindruck unter der Landbevölkerung hinterlassen haben: Insbesondere Stefania, die fortan nur mit „Madama“ angeredet wurde und mit extravaganter Kleidung im Ort Furore machte. 1876 erteilten sie den Auftrag zum Bau eines Herrensitzes („Archontiko“) mit einem im Ort ungesehenen Ausmaß: drei Etagen hoch, jede Etage mit 300 Quadratmetern Wohnfläche. Äußerlich verhältnismäßig schmucklos, traditionell aus lehmgebundenen Steinen und Holzbindern errichtet, entfaltete das gewinkelt zweiflügelig errichtete Gebäude seine Pracht im Inneren. Während repräsentative Wohnbauten jener Zeit noch in eher traditionellem osmanischen Stil ausgestattet wurden („Turkobarock“), sollte das Herrenhaus der Favres europäische, historistische Pracht neuesten Stiles entfalten, oder so etwas in der Richtung: Denn offensichtlich fanden sich keine in westeuropäischer Manier erfahrene Maler in der Provinz. Das Ergebnis, was Meister Argyropoulos und seine Helfer ablieferten, ist in seiner bäuerlich-naiven Art dafür um so herzerfrischender.

Im Schlafzimmer sollten Putten und Eroten schweben, Im Treppenhaus „fliegende Gruppen“ in Pompejanischer Manier die Wände beseelen, und Jagdszenen wie auch spielende Kindergruppen die repräsentativen Wohnräume Wände bereichern

Allerdings gingen die Maler aus den umliegenden Provinzen so vor, wie sie sonst in der Ikonenmalerei arbeiteten: mit perforiertem Pergament wurden die Umrisse von Vorlagen aus irgendwelchen westlichen Katalogen auf die Wand übertragen. Hatte man einmal eine hübsche Vorlage mit einem Putto, wurde er einfach mehrfach per „copy&past“ auf die Wände fabriziert, und ihm dann  mal ein Bogen, mal ein Blumenkranz in die Ärmchen gedrückt. Die Umrisse wurden liebevoll, aber etwas doch unbeholfen naiv ausgemalt, und so erfreuen uns heute die Malereien, im Museum. Denn sie konnten in letzter Minute in den vergangen beiden Jahren gerettet werden.

Was es damit auf sich hatte: das ausschweifende Leben der Favres endet tragisch. Sie betrog ihren Mann mit dem italienischen Hausdiener, der betrogene Gatte beging vor Kummer Selbstmord im Fluss Pinios. Was aus „Madama“ wurde, wissen wir nicht, sie blieb  jedenfalls kinderlos, ohne Erben. Das Haus ist dann wohl an die Gemeinde Aghia gefallen (der es zumindest noch gehört) stand zuletzt leer. Bei solchen Häusern führt Leerstand schnell zur Zerstörung: Die tragenden Balken, die nicht nur die Geschosse, sondern ach die Steinmauern zusammenhalten, vermoderten. Fast alle Geschossdecken stürzten ein. Glücklicherweise hat die Gemeinde Aghia wie auch die staatliche Denkmalbehörde in letzer Minute die Bedeutung der Ruine erkannt. Sie erhielt ein Notdach aus Wellblech und die Fensterhöhlen sowie eingebrochene Wandteile wurden mit stützenden Ziegelmauern provisorisch versteift. Die Wandmalereien aber, so man ihrer noch habhaft werden konnte, wurden in einem komplizierten Verfahren abgenommen, auf stabile, transportable Bildträger montiert und aufwändig restauriert. So gelangten sie nun in die Sonderausstellung ins Museum nach Larissa. Was weiter mit dem Gebäude und den Malereien geschieht, ist indes, laut einem Artikel des Onlinemagazins „Larissanet.gr“ (des thessalischen Spiegels des Hallespektrums:) ) von 2017 weiterhin ungewiss, es scheitert, wie immer, am Geld..

 

 

 

 

Und der Wahlkampf?

Der ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, zumindest nicht im Straßenbild. Die übliche Plakatschlacht ist weitgehend ausgeblieben. Das ist merkwürdig, denn Übermorgen ist Wahl. Möglicherweise liegt die neue Enthaltsamkeit daran, dass die Regierung Tsipras die Wahlkampfkostenerstattung für die Parteien radikal gekürzt hat. Ganz selten erscheinen noch Plakate der beiden chancenreichen Bewerber, hin und wieder ruft SYRIZA zu Veranstaltungen in den Städten auf, meistens ist das Porträt des Hoffnungsträgers Tsipras abgebildet, ebenso selten sind Plakate der konservativen Nea Dimokratia mit ihrem Spitzenkandidaten Meimarakis zu sehen. Nach altem Muster tobt sich allenfalls die traditionelle kommunistische Partei in versuchten Massenplakatierungen aus, oder die neoliberale Splitterpartei „Enosi Kendroon“ (Vereinigung der Mitte) des Dimitrios Levendis, der vor allem in Thessaloniki die Straßen mit markigen Sprüchen die Hoheit über die Laternenpfähle erobert hat.

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Links wirbt die KKE für eine Veranstaltung am 12. September, wo Generalsekretär Dimitrios Koutzumbas spricht, rechts reißt der neoliberale Levendis das verfaulte System ein.

Auf seinen Slogan „Wir werden das verfaulte System einreißen“, scheint er besonders stolz zu sein. Die Umfragen sehen ihn bei 1,5 %. Die Umfragewerte sehen ansonsten die Parteien SYRIZA zwischen 28 und 30 Prozent, Nea Dimokratia ebenfalls, abhängig ist das Umfrageergebnis offenbar stark vom Auftraggeber. Man sollte in Griechenland zur Zeit nicht allzu sehr auf Umfrageergebnisse vertrauen. Bei der „Ochi-Abstimmung“ sahen die (publizierten) Umfragen einen knappen Ausgang voraus, und dann siegte das „Nein“ mit gut über 60%. Nach meinen persönlichen „Umfragen“ im Freundes-und Bekanntenkreis kommt SYRIZA auf über 90%, die linken SYRIZA-Abspalter um Lafzanis (Laiki Enosi, Volkseinheit) bekommt nahezu den Rest, bis auf eine Stimme, die an die KKE geht. Aber mit den persönlichen Wahrnehmungen ist dass so eine Sache, jeder hat seine eigene Perspektive.  Einen Eindruck habe ich aber dennoch: die Diskussion um Politik ist nicht mehr lautstark und leidenschaftlich. Der Ton ist stiller geworden. „Kati tha vji“ (irgendwas wird schon herauskommen) ist häufig zu hören.

Der Wahlkampf findet nun nicht mehr auf der Straße, sondern in den Medien statt, und das vor allem im Fernseher. Es gibt Life-Übertragungen der großen Kundgebungen von Nea Dimokratia und Syriza in Athen, und auch Diskussionsrunden in den Fernsehstudios.

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Gerne wirden in den Fernsehformaten der Bildschirm aufgeteilt. Manchmal, wenn viele Leute was gleichzeitig zu sagen haben, erscheinen ganz viele Briefmarkenköpfe. Hier eigentlich nur ein Zweiteiler. Links wehende griechische Fahnen auf einer zentralen Kundgebung der Nea Dimokratia, rechts eine Umarmungsszene mit Tspras. Im rot unterlegten Untertitel geht es um die Lagarde-Liste. einer Liste mit über 2500 schwerreichen Steuersündern, und in deren Vertuschung und Manipulationen besonders die Altparteien ND und PASOK verstrickt waren. Tsipras verspricht im Falle seines Wahlsieges, diese Liste abzuarbeiten.  Darunter steht noch, dass es ein Kopf-an Kopf-Rennen zwischen ND und SYRIZA geben wird.

Der Wahlsonntag ist auch unser letzter Urlaubstag. Erste vernünftige Ergebnisse werden am Sonntagabend gegen 21.00 h erwartet. Wir haben uns schon zum Abschied verabredet: da setzen wir uns auf die Plateia von Platykampus, einem landwirtschaftlich geprägten Vorort der Großsstadt Larissa. Dort gibt es einen Wirt, der die besten Souvlakia macht. Er hat einen großen Fernseher aufgebaut, um den sich die Leute scharen werden. Mal sehn, kati tha vji.

 

 

 

 

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Ausflüge durch das Ossa-Gebirge.

Es muss nicht immer die gut ausgebauten, halbneue Straße von Agia nach Agiokampos sein, oder die etwas ältere, die auch von Agia nach Agiokampus, an Skiti vorbei, die Thessalische Ebenen mit der Ostküste, die heute den Namen „Paralies Larrisaion“, Strände des Bezirks Larissa, tragen, verbindet. Es gibt weit aus mehr, auch den Einheimischen unbekannte Schleichwege durch die Berge, solche, die einst die Bauern der hoch gelegenen, aber sicheren Dörfer in den Höhen des Ossa wählten, um an den Kampos, also an die an der Küste gelegenen Felder und Marschländer, zu gelangen. Diese Wege gibt es immer noch, teils sind sie durchaus als mit robusten Autos befahrbare Schotterpisten ausgelegt.

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Blick aus der Ebene zwischen Agia und Dimitra, hinauf in die Berge des Osssa, wohin unsere Reise geht

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Ganz am Horizont im Osten die Ägäis, sonst ist alles grün. Aussicht von der Höhe bei Melivia.

Sie zu befahren, erfordert etwas Mut, und nach Möglichkeit ein Fahrzeug, das Kratzer ab kann, wo gelegentliches Aufsetzen kein grundsätzliches Problem darstellt oder gar  ängstliche Werkstattbesuche zur Folge hat. Benzin sollte man dabei haben, Wasser nach Möglichkeit auch. Zwar sind die Strecken, die ich hier vorschlage, relativ kurz, aber erfordern ihre Zeit, und wenn man dann doch liegenbleiben sollte, ist Hilfe stundenlang weit weg. Handyempfang ist nicht überall in den Tiefen Wäldern von Mavrovouni und  im Ossa garantiert.  Darf ich zu einem kleinen Abendausflug von Agiokamos, entlang der Strände, nach Paliouria, einladen? An diesem langweiligen Strandort biege ich allerdings plötzlich scharf nach links ab, wir folgen einem kleinen Bachlauf unter Platanen, und befinden uns auf einer Schotterpiste. Nein,ich habe mich nicht verfahren. Unter schattigen, eindrucksvollen Platanen folgen wir dem Bach, rechts und links liegen Plastikschläuche, mit denen die Obst- und Kastanienbauern ihre Plantagen bewässern. Noch gibt es eine Lichtleitung, die zeigt: hier gibt es Zivilisation. Nach drei Kilometern sanfter, steiniger Strecken entlang des Baches kommt das vorerst letzte, einsame Häußchen in einer Kastanienpflanzung, das ältere Ehepaar sieht erstaunt zu, wie wir mit unserer Schrottkarre den Weg weiter nach oben in die Wildnis fortsetzen. Jetzt wird der Weg schlechter, und die Ohren beginnen zu knacken – es geht aufwärts. Tiefe Täler, sattes Grün und beginnende Herbstfärbung, die bei den Platanen und Ahornen beginnt,  zeigen, dass es hier schnell mal trocken wird. Nur in der Ferne hört man mal eine landwirtschaftliche Maschine, vielleicht eine Wasserpumpe, rumpeln, sonst ist es still. 09-05-palimeli-dromo3Dabei ist die Strecke ein Anfängerweg. Gerade erst hat man frischen Schotter über die immer von den Herbst-und Winterunwettern überspülten, freigelegten Felsbrocken geschüttet und planiert. Der Ausblick: Manchmal sieht man das Meer.

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Unterwegs nach Melivia.

Sonst aber eigentlich nur: lichten Wald, eine grüne Hölle, verhältnismäßig enge Täler zwischen den in kurzer Frequenz aufwellenden Hügeln. Nach etwa einer halbe Stunde  kommen Abzweigungen. Ein verrostetes Schild verweist auf eine Einrichtung der Telekom, wahrscheinlich einen Funkmast. Besser also dem Gefühl folgen, und ungefähr in Richtung der schon tiefstehenden Sonne westlich weiter fahren.  Die Abzweigungen werden mehr, und die gelegentlich entgegenkommenden „Agrotika“ (landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge der Kleinbauern, meistens uralte, verbeulte Pickups von Toyota) zeigen, dass wir hier schon wieder langsam in die Periferie einer menschlichen Siedlung eintreten.  Hier werden Äpfel, Äpfel, nochmals Äpfel und Kastanien angebaut. Wir befinden uns schon in erklecklicher Höhe über dem Meer, dessen Blick die grünen Höllenberge manchmal gestatten.  Wir rumpeln noch etwas weiter über die Piste, als dann erreichen wir den  Ort Melivia (die Alten sagen „Athanati“, wie aufmerksame Leser wissen).  In Melivia sitzen alte Leute auf der Plateia, Pickups stehen am Straßenrand. Jetzt, da Apfelernte ist, wird hier viel Albanisch gesprochen, die junbgen Männer ducken sich weg, wenn man den Platz fotografiert.

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Auf der Plateia von Melivia

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Melivia.

Hier könnten wir einen Tsipouro in eine der zahlreichen Tavernen zwischen den Opas einnehmen, es beginnt aber zu dämmern, und im Herbst wird es in Griechenland schnell und schlagartig dunkel. Also nehmen wir die jetzt befestigte Straße herab Richtung Agia, wieder durch Platanenwälder, wo man schon das Licht einschalten muß. Unten in Agia, das wir durch viele Apfel- und Kastanienplantagen erreichen, dämmert es schon. Der richtige Zeitpunkt, um durch die belebten Straßen zu schlendern, um dann einen Tsipuro mit Mesedes einzunehmen. Das wäre nur ein Tourvorschlag, für den Anfang.

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Abends in Agia

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Irgendwo zwischen unterwegs zwischen Paliuria, hinauf nach Melivia.

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Die Schotterpiste, die oberhalb von Melissochori hinauf führt.

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Irgendwo im Wald. Endlich ein Wegweiser.

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Jede Menge Holz : Abfahrt nach Karitza.

Wer noch nicht nicht genug hat, dem sei am nächsten Tag eine Fahrt empfohlen, die nur etwas länger dauert, aber schwieriger, und ob der Einsamkeit gefährlicher ist. Ausgangspunkt könnte beispielsweise wieder Agia sein, von vo wir die Auffahrt nach Metaxochori nehmen. Die dortige Platia lassen wir liegen, mag auch ihr Angebot noch so verlockend sein, denn wir fahren weiter hinauf nach Melissochori (auch Platia, auch super Tsipuro und Mesedes, aber lassen wir auch liegen). Oberhalb des Dorfes beginnt dann wieder so ein „Chomatodromos“, also ein Erd- und Schotterweg. Den könnte man weiter „bequem“ den Hang entlang weiter nach Anatoli (Selitsani) nehmen, wo es die berühmten Pilze gibt. Wir biegen aber nach ein paar Kilometern  an einer Wegekreuzung rechts ab. „Karitsa“ steht da drauf, 26 Kilometer. Das klingt wenig, aber es braucht zwei Stunden Abenteuerfahrt, wenn man da hin will. Oder länger, denn weitere Hinweisschilder gibts nicht, und der Möglichkeiten, sich in dem Dickicht aus nicht erkennbaren Wegen zu verfahren, gibt es viele. Zunehmend wird es dämmrig,  denn die Gegend liegt an der Ostseite des Ossamassives, und der Wald aus hohen Buchen steht hoch und dicht. Zuweilen wird es schon richtig dunkel, etwas Panik kommt auf, denn hier oben gibt es keinen Handyempfang, und das GPS istr auch tot. Wenigstens führt der Weg endlich wieder abwärts. Holzstapel liegen zur Abfuhr bereit, auch kommt man an einer Art Zelt aus zerlumpten Planen vorbei, neben denen Holzrückmaultiere weiden. Hier übernachten die Waldarbeiter. Die Zivilisation ist also noch weit, möchte man meinen, doch dann kommen wir an einem alten Schild vorbei. Es sind tatsächlich noch 12 Kilometer bis Karitsa, es ist gerade einmal etwas über die Hälfte des Weges geschafft. Die Schotterpiste wird aber besser: es tauchen Wasserleitungsschläuche auf, es gibt wieder Kastanienbäume und irgendwann erscheinen auch Telegrafenleitungen, die sich noch deutlich gegen den dunkelblauen Abendhimmel abheben. In tiefer Dämmerung erreichen wir endlich Karitsa, ein Dorf mit einer ausgefallen netten Platia, auf der es Tsipuro und Mesedes gibt, und von wo  man den Blick über das langsam in Dunkelheit versinkende, sicher noch 400 meter tiefer liegenden Meer schweifen lassen kann.

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Blick auf die Ebene von Larissa, von der Strasse nach Anatoli aus gesehen.

Eine richtig klasse Abenteuertour aber, für Leute, die noch höher hinaus wollen, könnte man (fast) bis zum Gipfel des Ossa machen.

Dazu fährt man ab Agia an Anatoli vorbei (ca. 800 Höhenmeter), und kurz bevor man das Kloster Johannes des Täufers erreicht, muss man auf ein kleines, gelbes Schild achten, das auf die „Korifi Kissavou“ (Gipfel des Kissavos) weist. Über die holprige Steinpiste schraubt man sich durch größtenteils verkarstetes Gelände hinauf, verschiedene Wacholderarten stehen in der von Ziegen kahlgefressenen Landschaft. Der Blick ringsum, in die thessalische Ebene im Westen,  zum Pilion über Mavrovouni im Süden, die Ägäis im Westen – überwältigend. Man fährt einfach weiter, bis es nicht mehr geht, oder die Angst, liegenzubleiben, zu groß wird. Den Gipfel des immer näher rückenden Kissavaos haben wir übrigens bisher nie erreicht. Irgendwann mal – vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht ist es ja dort oben ja auch so langweilig wie auf dem Brocken.

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Man sollte auf Schildkröten achten, die manchmal etwas unbesonnen die Piste queren.

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Blick auf das Ossa-Massiv, gesehen von Mavrouvouni in Richtung Westen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Türkischrot aus Abelakia: Aufstieg und Fall einer internationalen Handelsmetropole in den Gebirgen des Ossa.

Nur 15 Kilometer sind es bis zur Mautstation, die man auf der Autobahn von Larissa in Richtung Katerini und Thessaloniki passieren muß. Man entrichtet hier nur 1,40 Euro, dann darf man die enge Passsage durch das einst romantische Tempi-Tal-passieren. Wir biegen jedoch gleich rechts ab, folgen den Schildern nach Ambelaki, das man nach 5 Kilometern steiler Serpentinenstrecke erreiht. (Man kann sich auch die Maut sparen, fährt dann über Ajokampos-Velika-Kokkino Nero, Stomio nach Ampelakia).

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Auf halber Höhe, Blick über das Tal des Pinios, in Richtung Larissa. Im Vordergrund ist die Serpentoinenstraße nach Ambelakia zu erkennen. Unten rechts beginnt das Tempi-Tal ( und wer eine Lupe hat, sieht sogar die Mautstation).

In der Gegend um das Tempi-Tal wächst heute noch eine Pflanze, die man für eine Art mutierten, zu groß geratenen Waldmeister halten würde. Es ist der sogenannte Krapp, Rubia tinctoria, aus der Familie der Rötegewächse. Das unkrautartige Gewächs ist  ein Relikt eines agrarisch-und vorindustriellen wirtschaftlichen Zweig Thessaliens, hier ist es ausgewildert, und bedürtfe eigentlich strengster Unterschutzstellung. Selbst die chemische Industrie Deutschlands wäre ohne dieses Kraut, und ohne seine einstige regionale Bedeutung,möglicherweise weniger denkbar. Der Lauf der Geschichte, der Bayer, Höchst und BASF möglich machte, passierte hier in Ampelakia und im Tempi-Tal gewissermassen eine historische Mautstation, die wohl nur schwer zu umfahren gewesen wäre.

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Krapp oder Färberröte, Rubia tinctoria L.

Die Wurzeln der Pflanze enthalten einen leuchtend gelben Farbstoff, das Alizarin. Schon in der Antike hatte man heraus gefunden, dass dieser gelbe Farbstoff in ein leuchtendes Rot umschlägt, wenn man ihn mit Aluminiumsalzen zusammenbringt. Mit aluminiumreicher Tonerde gekocht, erhielt man pinkfarbene Farbpulver, mit denen man beispielsweise die hellenistischen Tanagra-Figuren bemalen konnte, damit die dann aussahen, wie heutige Barbiepuppen. Man hatte auch herausgefunden, dass man damit Wolle und Seide färben kann, indem man die Aluminiumsalze auf Wolle aufziehen ließ, wo sie sich chemisch fest mit der Faser verbanden. Dann wurde die Wolle mit einem Absud aus Krappwurzeln behandelt, das Alizarin und verwandte Farbstoffe banden dann wieder an dem Aluminium, und das Ergebnis war ein rotes Garn von guter Lichtechtheit, und die feste chemische Bindung sorgte für eine „waschechte“ Färbung. Eine der ältesten Nachweise für Textilfärbungen mit Krapp finden sich sogar schon an Mumientextilien aus chinesischen Provinz Xinjiang (Nordwestchina, Turfan-Becken) aus der späten Bronzezeit, Ende des 2. Jahrtausend v. Ch.

Auch in Mitteldeutschland lässt sich die Kenntnis dieses Farbstoffs – wohl als importierte römische Technologie –  nachweisen, schon in Textilien des 3. Jahrhunderts nach Christus finden sich Farbstoffspuren der Krapppflanze  in mitteldeutschen und norddeutschen Gräbern. In der Gegend um Halle und Leipzig  wurde Krapp noch im 18. Jahrhundert in großem Umfange angebaut, um damit Wolle und  andere tierische Fasern zu färben.

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Traditionell werden in Griechenland auch Ostereier mit Krapp gefärbt. Andere Eierfarben als rot gelten als westliche-moderner Einfall.

Abertrotzdem bleiben bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Christus blieben farbige Textilien, insbesondere brillant rote, ein Statussymbol, das nur höheren Klassen der Gesellschaft vorbehalten war. Die aufwändigen Verfahren und die teuren Rohstoffe waren der Grund dafür. In der frühen Neuzeit gewann Baumwolle als Faserstoff an Bedeutung – ein vergleichsweise günstiges Material, und Baumwolle wird bis heute in der thessalischen Tiefebene mit großem ökonomischen Gewinn (und hohen Verlusten für die Umwelt) angebaut. Leider ließ sie sich mit den damaligen Methoden nicht färben. Das Aluminium haftete nicht so einfach an Pflanzenfasern, im Gegensatz zu tierischen Fasern wie Wolle oder Seide. Wo und wann genau die Technik der „Türkischrotfärberei“ erfunden wurde, liegt im Dunkeln, es muß aber im 17 und frühen 18. Jahrhundert gewesen sein. Möglicherweise hier in Ampelaki, jenem kleinen Dörfchen 800 Meter oberhalb des Tempi-Tals, schwer erreichbar, gut versteckt.

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Das gewaltige „Archontikon“ (Herrenhaus) des Färbers Georgios Mavros alias „Swarts“ in Ambelakia ist kaum zu übersehen.

Die Genossenschaft von Ambelaki verstand sich jedenfalls auf die Kunst, das Unmögliche möglich zu machen, und eben auch das Aluminium auf der Cellulosefaser Baumwolle zu fixieren. Das Verfahren hielten sie streng geheim. Heute weiß man, wie das ging, Haftvermittler waren Aluminium-Fettseifen, die auf der Faser kleben blieben. Von Chemie verstanden die Leute von Ampelaki nicht viel, denn auch in Westeuropa entwickelte sich die moderne Chemie erst Ende des 18. Jahrhundert langsam aus der Alchemie.

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Im Tresorraum der Genossenschaft Swarts verwahrte hier nicht nur sein Privatvermögen, sondern treuhänderisch auch das der Genossenschaft. Die Doppeltür ist erst durch einen als „Kartoffelkeller“ getarnten Raum zu erreichen.

Die Alchemie ging bislang davon aus, dass man Eigenschaften auf fremde Substanzen „übertragen“ könnte, so etwa Silber durch „Tinctur“ die Eigenschaft „golden und unverwüstlich“ zu verleihen, es also in Gold zu transmutieren. Übertragen auf die Pflanzenfasern hieß das, man müsste diese erst einmal animalisieren, um auf sie die Eigenschaft der färbbaren,tierischen Fasern zu übertragen.So experimentierte man mit allerlei tierischen Produkten herum, behandelte Pflanzenfasern unter anderem mit Schafsmist und tierischen Fetten. Letztere sorgten dann, unter den vielen unsinnigen Schritten,  für den Erfolg. Die „türkisch rot“ gefärbten Baumwollgarne aus Ambelaki wurden der Exportschlager schlechthin. Handelspartner war vor allem Deutschland, aber auch Briten und Franzosen begehrten den trotz langer Exportwege günstigen, roten Stoff. „Türkischrot“ hieß das Verfahren deshalb, weil Thessalien – wie auch nahezu ganz Griechenland damals zum osmanischen Reich gehörte. Man gründete in Ambelaki eine Art Genossenschaft der Färber, deren Zeil einerseits die Vermarktung war, andererseits die Hütung des Geheimnisses. Dioe Genossenschaft der Färber von Ambelakia, gegründet 1785, galt seinerzeit als sensationell. Sie gilt als Vorläufer der späteren Agrargenossenschaften, aber auch des griechischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsbankwesens heutiger Zeit [Karl Kienitz, Existenzfragen des griechischen Bauerntums. Agrarverfassung, Kreditversorgung und Genossenschaftswesen. Berlin 1960, S.66]; weiterführende Literatur mit umfangreichen Recherchen auch hier: Ulrich Bernhard: Ambelakia – eine europäische Utopie: „Vor 200 Jahren lebten hier 6000 Menschen und es gab eine reiche kulturelle Vielfalt, die in ihren verwirklichten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in dieser Form nirgendwo im übrigen damaligen Europa Ihresgleichen fand“ . Organisiert war (lt. Bernhard) nicht nur das Finanzwesen, das es Nicht-Ambelakioten verbot, in die Finanzgeschäfte der Syntrophia (der Genossenschaft) zu investieren: sondern es waren verfaßt: „das Recht auf Ausbildung,
eine Altersrente, eine Kranken- und Armenfürsorge, die ökonomische Teilhabe aller
in Form von Aktien, am erarbeiteten Mehrwert und die damit verbundene Mitentscheidung
für alle- Mann, Frau, ja selbst Kind. Die Regeln der Teilhaber sind streng. Nur Angehörige
aus Ambelakia können Anteile zeichnen und nur eigenes Kapital darf verzinst
werden. Kein fremdes Kapital darf aufgenommen werden.“(Bernhard, s. O.)

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Das Untergeschoß ist aus meterdicken Bruchsteinmauern entstanden. Dort befindet sich auch der „Tresor. Die beiden Obergeschgosse, nach osmanischer Art orkragend, bestehen aus einer Holz-Lehm-Konstruktion, die überputzt und neben dekorativer Malerei auch mit vorgetäuschtem Mauerwerk versehen ist. So verging den „rohen Muselmännern aus Larissa“ wohl schon vom Anblick der Mut.

So machte man sich unabhängig von fremden Krediten und Zahlungsverpflichtungen. Eine traumhafte Vorstellung angesichts der jüngsten Bankenkrise in Griechenland.

Und man wehrte sich verhältnismäßig erfolgreich gegen türkische Steuereintreiber (das Dorf ließ sich aufgrund seiner strategisch guten Lage und der Festungsartig ausgebauten Häuser gut verteidigen) als auch gegen ausländische Spione. Es existieren mehrere Reiseberichte aus dieser Zeit, die immer wieder in der westeuropäischen Encyclopädischen Literatur erscheinen. So lesen wir im Jahre 1813 in Diesbachs Neuester Länder- und Völkerkunde: Ein geographisches Lesebuch für alle Stände (Prag 1813, Band 14, S. 262-264, über die „Europäische Türkei“:Das Dorf Ambelakia liegt auf dem Abhang des Ossa, und auf dem rechten Ufer des Peneus, zwischen Larissa» und dem Meere. Es gleicht durch die lebhafte Thätigkeit, die darin herrscht, mehr einem holländischen Flecken, als einem türkischen Dorfe. Es verbreitet durch seine Industrie Leben und Bewegung in der ganzen Gegend umher, und durch seinen Fleiß tritt Teutschland mit Griechenland in eng, Verhältnisse. Seit funfzehn Jahren ist seine  Bevölkerung auf das dreifache gestiegen, und betragt gegenwärtig viertausend Seelen. Alle Einwohner leben in und von Färbereien, und man kennt unter ihnen den Müßiggang nicht. Auch ist die Sklaverei, die rings um sie in. den Ebenen, die der Peneus bewässert, ihre Geißel schwingt, nie bis zu ihnen vorgedrungen; sie dulden gar keine Türken unter sich, und werden nach der Weise ihrer Vorfahren durch selbst gewählte  Obrigkeiten regiert. Zweimal haben die rohen Muselmänner von Larissa aus den Versuch gewagt, ihre Berge zu ersteigen und ihre Hauser zu plündern, aber beide Male sind sie von den Einwohnern, die schnell den Weberstuhl verließen, um die Musquete zu ergreifen, zurück geschlagen worden.

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Schlafgemächer im Haus des Genossenschaftsdirketors. Hier wurden auch die Handlungsreisenden als Gäste der Syntrophia aufgenommen.

Jedermann, auch sogar die Kinder, sind hier mit der Färberei beschäftigt, und während die Männer das Garn färben, spinnen und bereiten es die Weiber. Alle Einwohner leben von, dem Ertrag ihrer Fabriken, und bilden sammtlich nur eine Familie von Brüdern und Freunden. Die schöne Verfassung, die von den Jesuiten in den Wäldern von Paraguay gestiftet werden sollte» findet man hier auf dem beschneiten, felsigten Ossa wirklich eingeführt. Es scheint Zauberei zu  seyn, wenn man auf einmal in den Griechen ganz andere Menschen findet; sie sind fleißig und nachdenkend, an die Stelle der National=Eitelkeit sind großmüthige Gesinnungen getreten, und hohe Ideen von Freiheit keimen auf einem Boden, den seit zwanzig Jahrhunderten Sklaverei entehrt. Der ganze Charakter der alten Griechen zeigt-sich wieder mit seiner vorigen Energie, und alle Talente, alle Tugenden des alten Griechenlandes erwachen wieder in diesem wilden, entlegenen Winckel des neuern.

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Osmanischer Barock in Reinkultur – und dazu bester Erhaltung. Das ist sowohl in Griechenland als auch in der Türkei extrem selten.

Man findet in Ämbelakia vier und zwanzig Fabriken, in denen,jährlich 2500 Ballen türkisch Garn, jeder Balle von hundert Oken, gefärbt werden. Diese 2500 Ballen gehen sämtlich nach Teutschland, und zwar über Pest und Wien nach Leipzig, Dresden, Ansbach, Bayreuth u. s. w. In den meisten dieser Städte haben die Kaufleute von Ambellakia eigene Comptore, worin sie das türkische Garn unmittelbar  an die teutschen Manufacturen absetzen. .

Man hat auch im übrigen Europa vielfältige Versuche gemacht, das Baumwollengarn roth zu färben, und sogar haben sich griechische Färber in der Mitte des vorigen Iahrhunderts in Montpellier niedergelassen, und solche Fabriken auf griechischen Fuß errichtet. Die franzosischen Färber lernten ihnen ba!d ihre Handgriffe ab, und jetzt wird in Languedoc, Bearn, Rouen ,Mayenne  u. s. w. eine Menge Garn auf levantinische Art roth gefärbt. Auch die Oesterreicher haben glückliche Versuche hierüber angestellt. Dessen ungeachtet hat man die rothe Farbe, die dem türkischen Garn, das aus der Levante kommt, eigenthümlich ist, noch nicht nachmachen können; sie behält immer eine: Glanz und eine Lebhaftigkeit, die von der unsrigen nicht erreicht wird. Es fragt sich aber, woher denn dieser Verzug eigentlich kommt ? Viel» Färber behaupten, der Schafmist  trage am meisten dazu bei; andere sagen, das türkische Roth erhalte hauptsachlich daher seine Schönheit, daß man das Garn jedes Mal, wenn es aus einem Bade kommt, wieder sorgfältig ausspühlt,  indem die Farbe dadurch desto leichter eindringe und sich inniger milt dem Garn vermische. Auch scheint das vollkommene Austrocknen nach jedem Bade ein wesentliches Erfordernis zu seyn, es mag geschehen, auf welche Art es wolle, im Schatten oder in der Sonne.

In vielen Fabriken wird auch Urin anstatt des Wassers genommen, allein im Sommer geht dieser zu bald in Faulniß über. Anstatt der Gallapfel wird in manchen Orten Sumach oder ein anderes gemeineres zusammenziehendes Mittel genommen, wie z. B. Granatenrinde, oder Wurzeln von Nußbäumen, Erlen und Eichen.

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hier ist auch das Komplexe (oder wie wir vor zweihundert Jahren gesagt hätten: „zusammnengesetzte“ Lichtregime eines osmanischen Herrenhauses zu verstehen. Die von Stuckrahmen (häufig zweischalig ausgeführten) Schmuck-Oberlichter liegen über den Hauptfenstern, die im Sommer, zur Vermeidung großer Hitze, mit Holzläden („Patsouria“) geschlossen werden.

Ueberhaupt ist das Verfahren der Griechen äußerst zusammengesetzt (komplex): sie brauchen zu ihrer Farbe über fünfzehn verschiedene Ingredienzen, und jede Quantität Garn, die gefärbt wird, kostet über einen Monat Arbeit.“

Schon wenige Jahre später war es mit dem Glanz von Ampelakia vorbei. Ausländische Textilfärber waren den Färbern auf die Schliche gekommen, und nun nimmt der Niedergang seinen Lauf:1837 liest man dann schon in  Friedrich Brans „90. Band der „Miszellen aus der neuesten ausländischen Literatur“  (Jena,S.433 434)

„Ambelakia heißt ein Ort, von dem herab man in das Tempethal blickt. Seine Geschichte giebt den schlagendsten Beweis für alle Behauptungen, welche ich hinsichtlich der Türkei aufgestellt habe. Unter den vielen merkwürdigen Puncten, an denen Thessalien so reich ist, hat mich keiner lebhafter interessiert, als Ambelakia. Sein Handel, seine Thatigkeit und seine Bevölkerung sind verschwunden, aber noch schauen seine Paläste stolz herab auf den staunenden Wanderer, und bescheinigen die Wahrheit von den Erzählungen seines ehemaligen Ueberflusses, der sonst wohl fabelhaft erscheinen möchte“

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Hinten auf der Tribüne, saßen zu festlichen Anlässen die Musiker. Sicher spielte man dort keinen Sirtaki 8gabs damals nocht nicht), sondern eher höfische Osmanische Musik, wie sie sich einst Mozart sogar als Anregung zu seinem „al la Turka“ vorgenommen hat –> Pera-Ensemble)

In Frankreich befand sich nun auch das Hauptanbaugebiet des Krapps, bis die deutschen Chemiker Graebe und Liebermann 1868 nach der Strukturaufklärung des Alizarins auch einen Weg fanden, den Naturstoff billig aus Steinkohlederivaten zu synthetisieren.

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So stellten sich die Maler des 18.Jahrhunderts die ideale Stadt vor: Istanbul könnte gemeint gewesen sein, aber auch Thessaloniki, Bremen… Hauptsache: Häuser, Schiffe, Hafenbecken… und viel Platz zum Handeln.

Das war dann der Beginn der deutschen Farbenindustrie, insbesondere der Firma Bayer in Wuppertal und später Leverkusen, die den europäischen Markt, auch Griechenland, mit billigen, bunten Farben überschütteten. Nicht nur mit Alizarin, sondern auch mit synthetischem Ultramarin, einer wunderschönen himmelblauen Farbe, mit der die Griechen seit der Mitte des 19.Jahrhunderts ihre Häuser blau streichen konnten. Nicht nur in Ampelaki, sondern überall. Was wir für traditionelle griechische Farben, insbesondere auf den Inseln, halten, ist ein der Triumph der deutschen Farbenindustrie. Schon lange sind bunte Farben kein Distinktionsmittel der Reichen mehr, im Gegenteil. Die chemische Substanzbezeichung Alizarin markiert dabei eine lange Kulturgeschichte. „Riza“ ist griechisch und bedeutet „Wurzel“. Die Krappwurzel nannte man dann „Rizari“, und die Türken, denen Konsonanten am Wortanfang unausprechlich erscheinen, nannten sie dann „Irizari“, oder Izari. Ein Arabisches „Al“ davor, und so ist der Weg frei zum Trivialnamen Alizarin, dem leider die internationale Nomenklatur ein jähes Ende bereitet hat: 1,2-Dihydroxyanthrachinon.

Zurück nach Ampelaki. Das bedeutendste und größte der erhaltenen „Archontika“, Herrenhäuser, ist heute Museum. Eines der wenigen heute erhaltenen Herrenhäuser im osmanisch-griechischen Stil in Griechenland überhaupt. Um die Bezeichnung „osmanische“ oder gar „türkische“ Architektur druckst man sich in offiziellen griechischen Denkmalführern etwas herum, insbesondere, wenn sie von der staatlichen Denkmalpflege herausgegeben werden. Da wird dann das Byzantinische heraufbeschworen, was auch nicht ganz falsch sein muß, da natürlich auch die mittelalterliche byzantinische Architektur eine der Grundlagen osmanischer Architektur darstellte. Sogar weitaus der Grenzen Griechenlands.

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Europäisches Common Sense im Design des 18.jahrhunderts: Form vor Funktion. Dieser Kamin hat sicher nie gebrannt. Sonst hätte die ;Malerei nicht überlebt.

Der Besitzer des Herrenhauses: Georgios Schwarz. Er war der Vorsitzende der griechischen Genossenschaft von Ambelaki. Sein ursprünglicher Familienname war „Mavros“, später hat er sich wegen seiner langen Vertreteraufenthalte in Österreich und Wien seinen Namen auf Deutsch übersetzt. Einst ließ sich in der Renaissancezeit unser Freund und Reformator von Schwarzer auf „Melanchthon“ umbenennen, und nur ca 300 Jahre später tut Herr Mavros das Gleiche, nur umgekehrt. Distinktionsmittel der Upperclass haben eine geringe Halbwertszeit. Seien es bunte Farben, Baustile, Automarken, Turkizismen, Gallizismen, Anglizismen: sie durchtröpfeln die gesellschaftlichen Schichten von oben herab wie die Kiesschichten in einer Kläranlage, bevor sie unten als bunte Fallschirmseide am Getränkestand wieder heraus sickern.

Das Haus des Herrn Schwarz diente auch der Genossenschaft als Versammlungsort. Es ist Denkmal türkischen, herrschaftlichen Lebensstils. Orientierte man sich auch handelspolitisch an Westeuropa (nicht anders, als seinerzeit in Istanbul/Konstantinoupoli), so war der Mainstream gehobener Wohnkultur von Istanbul bestimmt. Ein massives Sockelgeschoß aus Bruchstein mit Holzverstärkung, wo Vorräte aufbewahrt wurden, im Halbgeschoss darunter befand sich die Schatzkammer in einem überwölbten, feuersicheren Raum. Im ersten Obergeschoss die Winterwohnungen, darüber, in Fachwerktechnik errichtet, die Sommerwohnungen in reichster Ausstattung nach türkischem Vorbild. Die Ornamentik ist die damals angesagteste des osmanischen Reiches: Naiv nachempfundene Roccaillen türkischer Umprägung, idealisierte Landschaften, rührend naiv gemalt, zeigen das, wie man sich die Hauptstadt Konstantinopel vorstellte. Von den Zentren hehrer Kunst war er weit entfernt, der Maler, der sich in der Inschrift über dem Kamin als „niemand geringerer als L.L.“ bezeichnet. „Turkobarock“ vom Feinsten, und Fallmerayer hätte sicherlich angesichts dieser Kunst die türkische Lebensart gerade mal anerkannt, aber mit Häme  den Niedergang der griechischen Kunst beklagt. Beliebt waren auch die Oberlichter in den vorspringenden Erkern aus buntem Glas, zusammengehalten von geschwungene Stegen aus Stuck. Im Gegensatz zu heutigen griechischen Haushalten standen nicht viele Möbel herum – sie waren vorzugsweise eingebaut, und zum Sitzen wie auch zum Schlafen begab man sich auf den „Sofas“, eine um den Raum herum laufende, niedrige Holzbank. Von hier aus hatte man, wenn die Luken der tief herunter gezogenen Fenster geöffnet waren, einen wunderbaren Blick auf die Landschaft und die Gärten mit ihren Feigenbäumen, Quitten und Granatäpfeln. Im Winter konnte man diese an den Wänden als Ornament gemalt, bewundern.

Im Ort Ampelaki sind noch drei bis fünf weitere Herrenhäuser dieser Zeit erhalten, teils restaurierungsbedürftig, teils im Stadium der Rettung. Der Rest ist neu, etliche Hotels und Privathäuser imitieren den Stil der Archontika in Beton – zum Davonlaufen. Nett ist die Plateia, der Dorfplatz, wo wir zum Tsipouro auch die ordentliche Portion Mesedes bekommen.

 

 

 

 

 

 

 

Ausklang mit Katze

15.09 2010

Auffahrt auf ins Ossa – Gebirge und Besuch im Koster

Eine der Nonnen, die wir auf der Samenbörse in Dimitra kennen lernten, hat uns

zum Besuch des Nonnenklosters St.Johannes des Täufers (Ajos Joannis Prodromos) eingeladen. Also fahren wir den steilen Weg von Dimitra hinauf nach Argostoli. Die Straße, die veilfältige Ausblickmöglichkeiten bietet, ist besonders im Herbst auch für andere Verkehrsteilnehmer gefährlich: Landschildkröten. Dieses Jahr begegneten wir keiner, doch vor einigen Jahren noch war die Strasse voll von Ihnen – teils heftig im Paarungsakt vertieft.

Oberhalb von Anatoli – (dem Ort, wo es die besten Pommes  gibt – ich berichtete schon einmal ) weist ein Wegweiser zum Kloster hinauf. Man öffnet man uns nach zaghaftem Läuten an der Glocke, wir werden zunächst aufgefordert, in der Klosterkirche ein Gebet zu verrichten. Dann wird „unsere“ Schwester gerufen. Sie stammt aus Deutschland, hatte sich zunächst, – dies hier auszuführen, würde zu weit führen – dem überkonfessionellen Teze-Bewegung verschrieben, bis sie in Kontakt mit orthodoxen Nonnen kam, ihre Arbeit in Deutschland kündigte und fortan in Griechenland im Kloster lebt. Das Kloster selbst ist neu. Zwar befand sich an dieser Stelle schon im 16. Jahrhundert ein Kloster, dessen Kirche mittlerweile nur noch eine bedauerliche Ruine ist. Mönche vom Athos starteten in den 1980er Jahren einen ersten Anlauf, hier ein neues Kloster zu errichten, der Bau kam aber zum Erliegen, und verfiel als Bauruine in der Folgezeit dahin..Die 16 Nonnen der international zusammengesetzten Klostergemeinschaft setzten Anfang der 2000er Jahre schrittweise – hauptsächlich aus eigener Hände Kraft – die angefangene Ruine in Stand, Zelle für Zelle.  So ganz fertig sei man immer noch nicht, erfahren wir von unserer Schwester. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die geschmackvoll eingerichteten Besucher- und Versammlungsräume öffnen sich in die weite grüne Landschaft, weit unten ist schemenhaft die Stadt Larissa zu sehen. Man könne von Larissa aus auch das Kloster sehen, erzählt die Nonne. Es sei das einzige Licht hier oben am Berg Kisssavos. Neben dem Kloster hier oben in Anatoli gibt es mittlerweile noch eine weitere Baustelle: ein Kloster in Estland, auf dem gerade 4 Nonnen werkeln. Die Gemeinschaft tauscht sich hin und wieder aus – es gibt keine feste Besetzung zwischen dem Stammkoster Laurion bei Athen, hier oben bei Anatoli und in Estland. Wie in einem Pfalzverbund wirken die Nonnen da, wo gerade der größte Bedarf ist. Nächstes Jahr soll es auch Whisky geben – eine der Schwestern hat die Schnapsbrennerei zu ihrem „Hobby“ ausgebaut und will sich nun an komplizierteren Bränden als nur Tsipouro versuchen.

 

Wenn wir schon einmal so weit oben auf dem Berge Ossa (=Kissavos) sind, wollen wir die Gelegenheit noch wahrnehmen, auch noch dem Wegweiser zum Berggipfel zu folgen. Die Straße besteht aus trockenem Lehm und teils großen Gesteinsbrocken, aber mit etwas Mühen und Mut gelangen wir doch zum vermeintlichen Gipfel, hinter dem allerdings, kurz bevor man oben ist, noch ein höherer in der Ferne erhebt. Die Straße führt auch bis dort hinauf, weil sich oben eine Funkstation befindet -. Wir lassen das lieber, denn die Vorstellung, ohne Benzin und funktionierendem Handy hier oben hängen zu bleiben, ist nicht angenehm. Auf dem Gipfel Nr. 2 läßt es sich auch aushalten, Fernsicht fast rundrum, von Ägäis bis über Larissa zum Pindos hinweg liegt alles da. Hier oben wachsen Wachholderbeeren, die wir noch als Reisemitbringsel ernten.

An dieser Stelle mache ich einen jähen Punkt. Gestern, einen Tag vor der Abreise, ist uns ein kleiner verhungerter Kater zugelaufen. Nachdem wir ihn mit reichlich Fisch aufgepäppelt haben, hat er uns klargemacht, dass er mit nach Halle möchte. Die Tierärztin in Larissa wird sich des Falles annehmen, impfen, Dokumente ausstellen, chippen. Bei der Lufthansa ist er schon als Passagier registriert.

Tiberius von Aghiokampos.

 

 

Das ist auch der Grund, warum die letzten beiden Artikel (noch) keine Bilder haben. Er hat es geschafft, mit irgendeiner Vierpfotenkombination das W-LAN des Rechners auszuschalten.  

Rund um Kephalonia

12-14-09.2013

Der botanische Garten von Argostoli enthält in seinem großzügigem Areal mindest 30 verschiedene Pflanzenarten, die – bis auf wenige Ausnahmen –durchaus korrekt beschriftet sind. Durch den Garten rauscht ein kleiner Bach, es gibt einen Teich, und mit dem an sich spärlichen Pflanzensortiment werden verschiedene „Pflanzengesellschaften“ und Themenräume angelegt.Der Spaziergang durch den Garten lohnt sich, wenn auch nicht unbedingt durch den erwarteten Erkenntnisgewinn. Leider ist der Garten kaum ausgeschildert, am besten fragt man nach der örtlichen Polizeistation, der Garten liegt gegenüber.

 

Will man der Hitze von Argostoli entfliehen, so empfehlen sich Ausflüge zu dem in der Nähe liegenden Stränden. Empfehlenswert: „Trapezaki“, liegt am Ende eines Baumbewachsenen Tales, sauberer Sandstrand, sehr gepflegt.

 

Wer es dagegen richtig erfrischend kühl haben möchte, sollte einmal die Insel von Argostoli aus Richtung Sami durchqueren. In der nähe von Sami liegt sice Höhle von Melissani, die in gewisser Weise ein Naturwunder darstellt. Die Höhle ist Teil eines langen Karsthöhlensystems, das bei Argostoli im Meer beginnt und die ganze Insel bis nach Sami durchzieht. An der Eintrittsstelle des Meerwasssers bei Argostoli gab es einst Mühlen, deren Räder von dem einströmenden Wasser angetrieben wurden. Bei Melissani tritt dieses Wasser wieder aus dem Berg aus – wo es wiederum kleine Mühlen antrieb. Was das Wasser veranlasst, quer durch die Insel zu fließen, ist offenbar bis heute unbekannt nicht geklärt. Die Tatsache, dass das Wasser diesen 16 km langen Weg durch das Gebirge nimmt, kennt man seit den 1960er Jahren durch Färbeversuche.

Vor ca 5000 Jahren stürzte eine Kaverne des Karstsystems ein, worauf sich ein baumbestandenes Loch mit einer angrenzenden Tropfsteinkammer ergab. Das Loch ist von Bäumen umstanden, das Wasser türkisfarben und Sommers wie Winters kontinuierlich 15 Grad kalt. Durch einen künstlich angelegten Gang gelangt man hinein, worauf man dann von einem Fremdenführer im Boot einmal umhergerudert wird.

 

Etwas beeindruckender, allerdings ohne Wasser, ist die in der Nähe liegende Drogarati-Höhle. Hier unten ist es richtig kühl, die Tropfsteine ansehnlich, wenn auch – wohl schon in früheren Zeiten – zur Souveniergewinnung ihrer Spitzen beraubt.

 

Etwa auf halbem Wege zwischen Sami und Argostoli führt ein Seitenstraße in Richtung Kloster „Ajois Gerasimos“. Das (neue) Kloster lohnt sich nicht, dagegen sollte man unbedingt die in der Nähe liegende Winzergenossenschaft besichtigen, die hier die nur auf Kephalonia wachsende Weißweintraube „Robola“ zu einem einzigartigen trockenen Wein verarbeitet. Robola gehört mit Abstand zu den besten Weißweinen Griechenlands überhaupt. Die Genossenschaft exportiert auch nach Deutschland – jedoch nur in so geringen Mengen, dass der Wein dort kaum aufzutreiben ist (www.robola.gr).

Die Robola-Rebe ist wohl auf Kephalonia entstanden, ihre genaue Entstehung liegt im dunkeln. Die kleinfrüchtigen Beeren sind nicht sehr ertragreich, ergeben jedoch schöne, trockene Weine mit einem vollfruchtigem Aroma.

Die modernen Kelteranlagen lassen sich besichtigen, die Weine auch probieren und käuflicbh erwerben. Leider muß man hierzu die seltenen Zeitpunkte abpassen, wo nicht gerade wieder eine Busladung Russen die Aufmerksamkeit des Personals bindet.

 

Lixouris selbst war lange Zeit – bevor es die Rolle an Argostoli abtrat – Hauptstadt von Kephalonia. Der Weg nach Lixouris ist landschaftlich interessant, die Stadt bietet rein gar nichts an Se-henswürdigkeiten. Nur der mächtige Gummibaum auf dem Marktplatz überlebte die Zerstörung der Stadt durch das Kephalonia-Beben von 1953.

 

Auch wer nicht Baden möchte, sollte unbedingt den Strand von Xi besuchen. Xi liegt nicht weit entfernt, südlich von Lixouri. Die Küste besteht aus an die 20-30 meter hohen „Felsen“ aus weißem Ton, die durch Erosionsprozesse bizarre Formationen ergeben, die stark an die Kreidefelsen von Rügen erinnern. Vom Sandstrand aus kann man einige 5o Meter durch das flache, badewannenwarme Wasser ins Meer hinauslaufen, ohne Schwimmen zu können. Für Familien mit Kindern ideal.

 

Leider ist es kaum möglich, durch Griechenland zu reisen, ohne irgendwo an die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht und der SS erinnert zu werden. Auf Kephalonia trifft man oberhalb von Argostoli, nicht weit vom Leuchtturm entfernt, auf das „monumento ai caduti “.  Das schlichte Monument gedenkt der über 9000 italienischen Soldaten, die nicht nur Opfer von Kampfhandlungen wurden, sondern Großteils Opfer eines grausamen Rachezuges der Wehrmacht wurden. Allein über 5200 gehörten der italienischen Division „acqui“ an, die von ihnen wurden in einem Massaker von der Wehrmacht hingerichtet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_auf_Kefalonia

 

Da Italien, das zunächst bis 1941 an der Seite Hitlerdeutschlands Griechenland besetzte, sich September 1943 den Allierten ergeben hatte, wurden auf Kephalonia festsitzende italienische Seiten nun als Feinde und Verräter aufgefasst. Es erging der Befehl vom Oberkommando der Wehrmacht, dass „wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens auf Kephalonia keine italienischen Gefangenen zu machen“ seien. Am 21. September 1943 wurde die gesamte Divison von Acqui, die sich komplett den Deutschen ergeben hatten, hingerichtet. Weitere Italiener starben bei Evakuierungsversuchen, indem ihre Schiffe versenkt wurden oder bei direkten Kampfhandlungen.

 

Die Kriegsverbrechen der Wehrmacht hatten nach 1945 kaum ein ernsthaftes juristisches Nachspiel. Erst auf Anfrage Simon Wiesenthals nahm man 1962 Ermittlungen auf, die 1967 unter fadenscheinigen Begründungen eingestellt wurden. Auch weitere Versuche einer juristischen Aufarbeitung des Kriegsverbrechens verliefen immer wieder im Sande, zuletzt im Jahre 2006.

 

 

 

Inselhüpfen: über Levkada auf Kephalonia. Ankunft in Argostoli

11.09.2013

Levkada nimmt unter den Ionischen Inseln eine gewisse Ausnahmestellung ein. Sie liegt derart nahe am Festland, dass man sie heute über einen wenige Kilometer langen Damm, der die lagunenartig flache Meerenge führt, erreichen kann. Nur eine kleine Schiffbrücke trennt die Insel alle paar Stunden vom Festland ab, um kleinere und größere Boote hindurch zu lassen.

Die enge Lage am Festland führte auch dazu, dass Levkada wie das übrige griechische Festland lange Zeit unter osmanischer Besetzung stand, allerdings mit kurzen Unterbrechungen. Alle übrigen ionischen Inseln standen dagegen seit dem 13.Jahrhundert – mit kurzen Ausnahmen im 19.Jhdt – bis 1864 unter venezianischer, dann italienischer Herrschaft.

An der venezianischen Festung „Santa Maura“ steht die Ampel auf rot. Das Brückenschiff fährt die Klappen hoch, wendet. Segeljachten durchfahren den freigegebenen Kanal, nach einer viertel Stunde dreht sich die Schiffbrücke wieder zurück, und gibt den Weg für die lange aufgestaute Autoschlange Richtung Hauptstadt der Insel frei. Sie trägt – wie viele griechische Inselhauptstädte –  keinen eigenen Namen, sondern den der Insel. Der Ort Levkas gilt als von seiner Architektur als „eher osmanisch“ geprägt, was man jedoch nur mit Einschränkung so sagen kann. Die noch erhaltenen alten Wohnhäuser stammen vorwiegend dem 19.Jahrhundert, es waren einst „nach osmanischer Art“ mit Holz verkleidete Fachwerkbauten.

Wellblechromantik in Levkada

Heute ist das Holz fast ausnahmslos durch farbig lackiertes Wellblech ersetzt- diese praktische, industrielle  Errungenschaft der Mitte des 20. Jahrhunderts es bestimmt heute die Straßenzüge von Levkada. Dekorative Elemente in neoklassizistischem Stil wurden bei der Wellblechaktion, die wohl im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt nach dem verheerenden Erdbeben 1953 stattfand, glücklicherweise häufig belassen, so dass sich das Material aus einer gewissen Entfernung „wegguckt“.

Eisernes Campanile; errichtet nach dem beben von 1953

Sowohl Levkada als auch Kephalonia verloren bei dem Erdbeben 1953 fast alle Steinbauten, und damit einen Großteil der Kulturgüter. Die Wunden, die diese Naturkatastrophe riß, konnten nie geschlossen werden. Bei näherem Hinsehen sind sie allgegenwärtig. Kirchenfassaden, manchmal auch freistehende Campaniles in einer Art „italienischem Barock“ verleihen der Stadt – wie auch den Ortschaften der Insel Levkada (und auch Kephalonia) ein italienisches Flair. Bei näherem Hinsehen sind es Fassaden aus Gußbeton, die nur entfernt etwas mit den untergegangenen Originalen zu tun haben.

Im Ort Levkada selbst haben nach dem Beben nicht nur Wellblechvertreter gewirkt, sondern auch Eisenschmiede. Viele Kirchtürme Levkadas wurden – zunächst offenbar provisorisch – durch teils kunstvoll gefertigte Eisengerüste ersetzt. Einige von ihnen haben mittlerweile selber Denkmalwert.

 

Der Hafen von Levkada wird hauptsächlich von Freizeitskippern belegt.

Levkada selbst ist heute ein lebendiges Städtchen, das neben romantischen Gäßschen auch über eine belebte Fußgängerzone, einen ziemlich großen Freizeithafen für Segler und eine ausgedehnte Uferpromenade verfügt. Sehenswert ist das archäologische Museum, das im städtischen Kulturzentrumskomplex am Ende der Promenade untergebracht ist.

Auf vier Räumen wird thematisch – anhand von Originalen und sehr gelungenen Rekonstruktionen  die prähistorische Archäologie bis hin zur klassischen Antike erläutert. Das Museum beherbergt unter anderem Teile der Sammlung des berühmten deutschen Archäologen Willhelm Dörpfeld, nach dem auch eine der großen Strassen im Zentrum Levkadas benannt ist („Derpfeld Gulielmo“). Dörpfeld, langjähriger Direktor des Athener Deutschen Archäologischen Institutes,  lebte hier lange Zeit bis zu seinem Tode 1940 hier in Levkada. Ein Leben lang verfolgte ihn eine fixe Idee: hier das Ithaka der homerischen Odyssee zu finden. Vergeblich.

Vom Hauptort im Norden der Insel braucht man eine knappe Stunde bis zu dem „auch ganz netten“ Ort Wassiliki, der ein beliebter Anlaufort für mehr oder weniger zu Wohlstand gelangte Touristen aus dem Balkan, aber auch äußerst betuchten Yachtbesitzern geworden ist. Die Anlegestelle für die Autofähre nach Kephalonia findet man erst nach einigem Suchen, etwas entlegen an der langen Strand- und Uferpromenade.

Wassiliki

Zwei verwaiste Bürocontainer nennen die Abfahrtzeiten, gegen 17.00 h soll die Fähre abfahren – doch niemand ist da, der Fahrscheine verkaufen könnte. An der Scheibe kleben ein paar Telefonnummern, die Anrufe dorthin laufen ins Leere. Erst nach mehrfachen Nachfragen bei Ortskundigen werden wir an ein Reisebüro verwiesen, dort erhalten wir Fahrscheine und bekommen versichert, dass die Fähre tatsächlich komme. Dem ist auch so. Das für den kleinen Ort recht mächtige Fährschiff „Käpten Aristidis“ legt denn auch an, und nimmt uns mit.

Kephalonia ist schon kurz nach der Abfahrt von Wassiliki deutlich auszumachen, links daneben türmen sich die Berge von Ithaka auf. Nach einer Stunde Fahrzeit landen wir an der Nordspitze von Kephalonia, im Hafenort Fiskardo. Der allerdings sehr kleine Ort soll einer der Wenigen sein, die vom Erdbeben halbwegs verschont wurde – wir lassen ihn liegen, denn unser Ziel ist die größte Stadt der Insel, Argostoli.

Auf dem Weg von Fiskardo nach Argostoli durchfährt man einige Postkartenbilder.

 

Irgendwo zwischen Fiskardo und Argostoli.

Der Weg dorthin dauert wieder eine Stunde, immer wieder taucht tief unterhalb der Steilküste, an der entlang die schmale Strasse führt, das Meer auf.  In der Tat erscheint die Insel „italienisch“ geprägt, wenn man das klassische Italienklischee mit Zypressenbewachsenen Hängen, offener Landschaft und hellockerfarbenen Steinhäusern bedient  (derer im Norden der Insel tatsächlich noch wenige erhalten sind. Über den Ortschaften herrschen „italienisch-barocke“ Kirchen, mit Campanile und Zwiebelturm, selbstverständlich aus Stahlbeton.

Argostoli liegt an einer einer länglichen Bucht auf einer Halbinsel. Bei annähernd 9000 Einwohnern ist man von dem geradezu großstädtischem Flair des Ortes überrascht.

Ankunft in der Abenddämmerung in Argostoli.

Die Innenstadt hat eine weitläufige „Platia“, einem zentralen Platz, der von öffentlichen Verwaltungsgebäuden und repräsentativen Hotels gesäumt wird. Neben der Fußgängerzone, die von der Platia abgeht, findet das Leben auch unten, an der Uferpromenade statt. Hier gibt es Markthallen, in denen Obst, Fisch und andere Lebensmittel feilgeboten werden, Werkstätten und Läden aller Art, gute Restaurants, Hotels und vieles mehr. Am Kai verhandeln Fischer mit Hausfrauen über den Preis ihrer Fische, die sie direkt vom Boot aus verkaufen. An keinem Ort in Kephalonia kann man gehobene, ionisch-griechische Küche besser genießen als in Argostoli. Zu empfehlen: Restaurant Ampelaki (www.ampelaki.gr), das mit hervorragenden Gerichten weit jenseits des an allen Orten mehrsprachig angepriesenem „greek food“ aufwartet. Die Ionische Küche unterscheidet sich von der Festlandsküche durch eine tatsächlich italienisch anmutende Art der Zubereitung, Pastagerichte, um die man sonst in Griechenland besser einen weiten Bogen macht, sind hier sehr zu empfehlen. Aber auch hervorragende Schmorfleischgerichte – die hier – ganz anders als auf dem Festland  mit mild gewürzten Soßen serviert werden, bei denen häufig Wein Träger des Geschmacks ist.

Da wird es dann auch schon einmal raffiniert, etwa, wenn Weinblätter mit Schafskäse und Eiern und Minze gefüllt werden, und die dann wiederum in eine Lammkeule gesteckt, mehrere Stunden im Ofen mit Wein und Zwiebel geschmort werden.

Wem nach Fischgerichten ist, dem sei die – nicht einfach zu findende – Taverne „Vinaries“ am nördlichen Ortsausgang zu empfehlen. Sie findet sich in Verlängerung der Küstenpromenade, fast schon an der Nordspitze der Halbinsel Argostoli, in einem kleinen Kiefernwäldchen am Wasser. Die etwas schlicht gehaltene Taverne besticht neben ihren stilvollen Mesedes, Tsipouro und lokalem Wein mit bestem, fangfrischem Fisch (Λάσση, Αργοστόλι, Κεφαλονιά 28100).

–         wird fortgesetzt –


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Quer durch Griechenland: von der Ostküste an die Westküste.

Mittelgriechenland ist eigentlich recht schmal. Von der Ostküste bei Larissa/Aghiocampos bis an die Westküste, zum Ionischen Meer, sind es Luftlinie vieleicht 250 Kilometer. Doch zwischen diese direkte Verbindung schiebt sich das gewaltige Pindus-Gebirge im südlichen Ipiros. Es ist nicht das erste Mal, dass wir den Weg durch das Gebirge suchen, um an die Westküste zu gelangen.


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Das Ziel der Fahrt gilt den Ionischen Inseln Levkas und Kephalonia. Es gibt verschiedene Alternativen, die Westküste zu erreichen. Die meisten Navis und auch alle Einheimischen schlagen einen längeren, bequemen Umweg vor, der über die teils autobahnähnlich ausgebaute Via Egnatia über Ioannina und Igoumenitza führt.

Die Strecke ist tatsächlich bequem – aber längst nicht so spannend. Zudem fallen hier erhebliche Mautgebühren an. Also nehmen wir lieber doch den fast direkten Weg durch das Gebirge.

In älteren Reiseberichten habe ich über diese Strecken schon berichtet [hei-wu 2011,2012] – wir sparen uns das an dieser Stelle. Kurz hinter der „Einfahrt“ ins Pindos – Gebirge bei Pyli nehmen wir noch einmal Benzin an einer Tankstelle auf. Während wir und betanken lassen, sehen wir einer betagten alten Frau zu, die die reifen Körner von Maiskolben in einen großen Kübel puhlt.

Sie erklärt uns, dass Daraus Maismehl gemahlen wird. Das sei gut, um „Plasto“ (Πλαστό) daus zu machen. Wir sehen sie etwas verständnislos an, denn von dem Gericht haben wir nie gehört. Sie wiederum sieht uns so an,  wie eine mitteldeutsche Oma dreinschauen würde, wenn ihr jemand begegnet, der keine Kartoffeln kennt. Der Beschreibung nach ist dieses im Pindos und Thessalien traditionelle Gericht ein Zwischending irgendwo zwischen Gemüsepizza und überbackener Polenta, Rezepte lassen sich auch durchaus im Netz finden, jetzt, wo wir wissen, wonach man suchen soll: http://www.sintagoulis.gr/tag/%CF%80%CE%BB%CE%B1%CF%83%CF%84%CF%8C%CF%82

Lecker sehen die kleinen Häppchen auf den Abbildungen jedenfalls aus.

Die Deichbauverhinderer von Sykia.

Von der Weiterfahrt durch den Pindos werden wir – aus aktuellem Anlaß – nur noch das Wiedersehen mit einem alten Bekannten erwähnen:  Dem Damm von Sykia. Seit unserer Vorbeifahrt im Sommer 2011 hat sich an dem fast fertig gestelltgen Dammbau nichts mehr bewegt. Ein paar mehr gesprühte Parolen sind noch hinzugekommen. An sonsten steht der über 170 Meter hohe Damm verlassen da – es gibt nichts zu stauen, keine Baumaschine ist mehr zu sehen. Seit 2000 beschäftigen sich die Gerichte mit dem wohl umstrittensten Großprojekt Griechenlands, und seit 2005  herrscht Baustopp.

Der Widerstand von Umweltschützern und Bewohnern mehrerer Ortschaften, die von dem aufgestauten Fluß Acheloos überflutet werden sollten, hat wirkung gezeigt.. Das Projekt hat allerdings auch einen gewaltigen anachronistischen Charakter. Der Fluß Acheloos entwässert das Pindos-Gebirge Richtung Westen – zum  Neidwesen der Bauern in der thessalischen Tiefebene, die das Wasser gerne Richtung Osten fließen sehen möchten, um ihre durstigen Baumwollfelder zu bewässern. Die Idee, einfach den ganzen Fluß umzuleiten, stammt bereits aus den 1930er Jahren, 1988 begann man ernsthafte Planungen. Vom Stausee aus sollte das gesamte Wasser des Flusses durch eine 11 Meter dicke Betonröhre von West noch Ost umgeleitet werden. Man muß etwas weiter ausholen, um den ganzen Wahnsinn des Projektes zu verstehen. Die thessalische Ebene  um Larissa ist seit der Antike die Kornkammer Griechenlands schlechthin. Doch – auch dank großzügiger Förderung der EU – ist der Anbau der im Vergleich zu Getreide weitaus durstigeren Baumwolle lukrativer. Wo einst Getreide angebaut wurde, dehen sich heute Baumwollfelder aus. Reichlich besprengt mit Wasser, das man teils aus dem Fluß Pinios, vor allem aber aus den grundwasserführenden Geröllschichten pumpt. Pestizide und Düngemittel werden über das Grundwasser immer wieder im Kreis gepumpt – mit mittlerweile erschreckenden Folgen für die Qualität des immer mehr versalzenden Wassers. Neben diesen Giften reichern sich zudem Schwermetalle, insbesondere das in den umliegenden Bergen natürlich vorkommende Arsen, auf den Feldern an. Da kam die Idee natürlich recht, das vergiftete Wasser mit Frischwasser aus den Bergen zu verdünnen.  Da sich mittlerweile auch in Griechenland das ökologische Bewusstsein gewandelt hat, und das Misstrauen gegen staatliche Großprojekte ohnehin auf einer gewissen Tradition aufbaut, wird man wohl noch in einigen hundert Jahren die Ruine des Sykia-Staudamms als das bewundern dürfen, was er ist: ein betongewordenes Dokument des Irrsinns. „Der Acheloos wird sich wehren“  steht denn auch auf den Betonmauern am Damm, und „Nieder mit dem Deich, weg mit den Dämmen“.

http://www.water-technology.net/projects/acheloos/

Gegen Abend haben wir die Küste des Ambrakischen Golfes erreicht, in Vonitzsa suchen wir eine Unterkunft, von wo wir am nächsten Tag zum Sprung auf die Inseln Levkas und Kephalonia ansetzen wollen. Die letzten Kilometer sind eine Tortour, auf der die viel zu engen Straße liefert sich internationaler Lastwagenverkehr eine Rennmeisterschaft, die meisten Laster sind offenbar in südlicher Richtung unterwegs, Richtung Rio/Antirio, von wo sie wohl Kurs auf die Hafenstadt Patras nehmen wollen.

Auf dem Weg hinunter Richtung Arta zeigt sich das Pindos-Gebirge nochmal in seiner ganzen Pracht

Vonitza ist ein „nettes Örtchen“, es hat eine kleine Flaniermeile, eine „Yes-please-Taverne“ reiht sich an die andere, und das Hotel „Marina“  ist siffig, dreckig und die Enscheidung, hier ein Zimmer mit Meerblick zu nehmen,  rächte sich bis tief in die Nacht mit „Ums-Ums-Rhythmen“ der Bars an der Promenade.

 

 

 

 

Anmerkungen:

Hei-Wu 2011, 25.08.2011, Halleforum  (z.Zt. offline)

Hei-Wu 2012, Hallespektrum, 27.08.2012 (http://hallespektrum.de/heiwu/2012/08/31/parga-metsovo-kalambaka-larissa-der-geo-biographische-hoehepunkt-der-reise/)

 

 

Samentausch zwischen Nonnen, Kleinbauern und Bürgerbewegten. Die 4. thessalische Saatgut-Tauschbörse in Dimitra.

(7. September 2013)

Das kleine Dörfchen Dimitra liegt links, nicht weitab von der Strasse zwischen Larissa und Aghia, etwa auf halbem Wege. Der rasterförmige Grundriß erinnert, von den Hängen des Ossa-Gebirges aus gesehen, an das Modell einer antiken römischen Kleinstadt. Aber nur von dort. Es liegt zwischen Baumwollfeldern und hat mit seinen langweiligen flachen Häusern aus den 1950 und 60er Jahren, umherknatternden alten Treckern und abgestellten Baumwolllastern rein gar nichts zu bieten. Hier möchte man nicht einmal tot über dem Zaun hängen.

Der Ort Dimitra in der Thessalischen Ebene, vom Hang des Ossa-Gebirges aus gesehen.

Dennoch pulsiert heute, am 7. September, auf der Plateia von Dimitra das Leben. Zum 4. Mal haben mehrere Organisatoren zum Thessalischen Samentauschtreffen eingeladen. Dahinter stecken Organisationen, wie sie eigentlich verschiedenartiger nicht sein können: Die Initiative «Engagierte Bürger Larissas“ (ενεργοι πολιτες λαρισας), das Nonnenkloster St. Johannes der Täufer mit Sitz bei dem weiter oberhalb gelegenen Ort Anatoli (Ιερα Μονη Τιμιου Προδρομου), die Gemeinde Aghia, die alternative Ökobewegung PELETI (Εναλλακτικι Κοινοτιτα ΠΕΛΙΤΙ) und viele weitere kleine Gruppen und Verbände. Mit der Tauschbörse bezweckt man nicht nur, untereinander selbst geerntetes Saatgut zu verteilen. Vielmehr ist dies Teil einer – auch sonst in Europa – zunehmenden, starken Bewegung, die der Politik internationaler Saatgutkonzerne ebenso entgegentreten will, wie dem Europäischen Gesetzgeber, der in den letzten Jahren mehrfach versucht hat, das Saatgutgesetz zu Gunsten großer Saatgutkonzerne zu ändern. Über die gesamteuropäische Bewegung, die insbesondere auch in Deutschland so stark geworden ist, kann man sich im Netz gut informieren. So läuft zur Zeit eine europaweite Unterschriftenaktion gegen die geplante neue Saatgutverordnung der EU: https://www.openpetition.de/petition/online/saatgutvielfalt-in-gefahr-gegen-eine-eu-saatgutverordnung-zum-nutzen-der-saatgut-industrie

Die Befürchtung der Bewegung besteht darin, dass mit dem Verbot – auch privat – nicht zertifiziertes und zugelassenes Saatgut zu vertreiben, die reichhaltige Vielfalt europäischer Kulturpflanzen, insbesondere historischer und alter Landsorten, sterben könnte. Bauern und Kleingärtner würden so von den Interessen der Saatgutkonzerne abhängig gemacht, weil sie nicht mehr lizenzfreies „open Source“- Saatgut ausbringen könnten.Während solche guerillahaften Samentauschaktionen in Deutschland vorwiegend  – und auch sehr erfolgreich – über das Internet abgewickelt werden,  trifft man sich hier, in Dimitra, vor Ort.

Die 4. Thessalische Samentauschbörse in Dimitra

Das subversive Treiben ist gut organisiert, und mutet von außen zunächst wie ein kleines Volksfest an. Um die eigentliche, streng nichtkommerzielle  Tauschbörse herum haben Verkäufer alternativer Produkte versammelt, die Nonnen des Johannesklosters verkaufen selbst hergestellten Käse, Honig, Liköre und Tsipouro, andere Biobauern sind mit Hülsenfrüchten, Kartoffeln, mehreren Soten Trachanas (einer Art fermentierter und getrockneter Grütze, aus Weizen und Milch bereitet, etwas weit verwand mit Couscous), Nudeln und Marmeladen vertreten.

Der Verkaufsstand der Nonnen vom Johanneskloster.

 

 

 

Auch die „Gyfti“ (eine Sinti-Roma-Gruppe), die bei keiner Menschenansammlung fehlen dürfen, sind mit einem klapprigen Pickup angereist und verkaufen bunt schillernde Luftballons. Die eigentliche „Tauschbörse“ besteht aus einer Reihe von etwa 15 Tapeziertischen, hinter denen die einzelnen Veranstalter Mühe haben, die Unmengen in liebevoller Kleinarbeit abgefüllter und beschrifteter Samentüten gegen allzu gieriges Publikum zu verteilen.

Diese Samenbank ist schon bald bankrott :)

Die Schlangen entlang der Tische sind enorm, das Angebot selbstgeernteten Saatgutes auch. Verschiedenste alte Tomatensorten, Auberginen, Mangold, Kürbissamen, Kräuter, Gurken, Melonen und Sonnenblumen sind der Renner. An semiprofessionelle Biobauern wird aber auch Getreide verteilt – so etwa Hart- und Weichweizen verschiedener Provenienz. Natürlich darf auch Stevia, das modische Süßkraut, im Sortiment nicht fehlen. Stevia rebaudiana ist mittlerweile Symbolpflanze im Kampf gegen die Großkonzerne geworden – weil die EU – angeblich wegen Kumpelei mit der Süßstoff und Zuckerindustrie – dem harmlosen Pflänzchen über lange Zeit die Zulassung als Nahrungszutat nach der „Novel-Food-Verordnung“ verweigert hat.

Eine Tauschbörse im engeren Sinne findet hier in Dimitra eigentlich nicht statt – denn das Saatgut wird an das sich um die Tische drängende Publikum kostenlos in kleinen Portionen verteilt. Der Tauschcharakter besteht denn auch mehr in der Erwartung, dass die Samenempfänger ihr geerntetes Saatgut beim Treffen im nächsten Jahr wieder der Börse zur Verfügung zu stellen.

Wo etwas kostenlos ist, da schart sich das Volk, doch einzelne besonders gierige „Absahner“ werden dann auch schon einmal höflich hinwegkomplimentiert. „Sie haben nun wirklich genug von uns bekommen, gehen Sie doch mal bitte an einen anderen Tisch“, ist dann auch schon mal von den frommen Schwestern an Tisch eins zu hören. Nach etwa zwei Stunden sind die Samentütchen dann auch schon weitgehend an die etwa 300 Leute, die zu dem Basar gekommen sind, verteilt. Jetzt erschallt vom Gemeindezentrum neben der Plateia das Megafon, um das Ende der Tauscherei zu verkünden, und die Leute nur zur Versammlung im Gemeindesaal einzuladen. Keine Veranstaltung kommt in Griechenland ohne Versammlung und Omilies“, Reden, aus. Eine kleinere gruppe der Teilnehmer bewegt sich nun auch dort hin, der Rest stärkt sich lieber mit Tsipuro und Mesedes in der Mittagshitze unter den Platanen.

Hart- und Weichweizen

Im Gemeindezentrum von Dimitra stellen die Initiativen sich und ihre Projekte vor.

Im stilvoll eingerichtetem Raum des Gemeindezentrums sieht es ein bisschen aus wie bei einer evangelischen Erntedankfeier, der Rednertisch ist dürftig mit ein paar Kürbissen und Tomaten dekoriert. Hauptredner gibt es in der basisdemokratisch angelegten Veranstaltung nicht, und so wird jeder Initiative eine kurze Vorstellung ihrer Arbeit und ihrer Motivation zur Teilnahme an der Tauschbörse eingeräumt. Das Nonnenkloster stellt sich vor – es scheint eine recht fortschrittliche Truppe innerhalb der ziemlich strengen, reaktionären orthodoxen Kirche zu sein. Die Schwesterngemeinschaft ist international zusammen gesetzt. Eine Nonne, die aus Deutschland stammt, haben wir später noch näher kennen gelernt, wir werden sie übernächste Wiche im Kloster besuchen. Die Nonnen, die aus allen Herren Ländern dieser Welt stammen, haben sich neben ihrem Dienst an Jesus Christus der traditionellen und ökologischen Landwirtschaft verschrieben. Anders, als es in vielen orthodoxen Klöstern Griechenlands üblich ist, erledigen sie die anstehenden Arbeiten selbst. Sie verfügen über Kuh- und Schafställe, eine Käserei und betreiben auf ihren Feldern den arbeitsintensiven Anbau von Biogemüsen per Hand.

Die engagierten Bürger von Larissa

 

Zum ersten Mal beteiligt sich die „Initiative der engagierten Bürger von Larissa“.  Dieser lockere Zusammenschluß von Bürgern aus Larissa und Umgebung sieht seine Kernaufgabe darin, die durch die Wirtschaftskrise entstandene soziale Not zu lindern. So hat man eine Art „Tafel“ organisiert, man verteilt Lebensmittel, die von landwirtschaftlichen Betrieben hergestellt werden, oder aber von Restaurants geliefert werden. Motto: „Es darf nichts übrigbleiben, nichts wird weggeworfen“. Die Initiative ist halt sehr basisdemokratisch, es gibt weder einen Vorstand, noch eine Kasse. Es werden nur Sachspenden angenommen. Geldverkehr hat man untersagt.

Gegen Abend treffen wir uns noch mit Freunden, die auch als aktive Mitglieder der Initiative an der Aktion beteiligt waren. Unter der Hand erfahren wir denn auch, dass es durchaus zu Reibungsverlusten kommt, in der mittlerweile auch über 200 Aktive mitwirken (bei einer noch größeren Zahl inaktiver Mitglieder). Auch bei der Vorbereitung der Saatgutaktion gab es schon mal Schwierigkeiten. So hätten einige der Mitglieder – allesamt nicht gerade erfahrene Saatgutzüchter, teils nicht einmal Gartenbesitzer  – auch schon einmal unreifes und taubes  Material in Tüten verpackt.

Und ob das wohl wirklich alles freie, ungeschützte Landsorten sind, nur weil sie bei Oma schon seit zwei Jahren im Garten wachsen? Letztlich ist es auch egal. Es geht, neben allem Spaß und praktischem Nutzen, um ein politisches Signal.

Einige Redner im Gemeindesaal betonten auch den pädagogischen Anspruch der Saatgutaktion: dass die Menschen sich endlich einmal mit der Herkunft ihrer Nahrung und deren politischen Funktion beschäftigen sollen.
Und ein lustiges Fest ist es allemal. Der örtliche Rundfunk berichtet darüber, schließlich mag das einen ähnlich ernst zu nehmenden Effekt erreichen wie einige tausend Online-Unterschriften.

Die Larissäer Gruppe hat derweil auch andere Probleme. Denn, wie auch bei richtig hierarchischen Organisationen, gibt es schon mal Unstimmigkeiten hinsichtlich der ideologischen Ausrichtung. Gerade hatte eine heftige Diskussion stattgefunden, ob man als überparteiliche Initiative auch Mitglieder politischer Parteien aufnehmen könne.  Irgendwoher kennen wir das alle.