Nach Wahlsieg: Tsipras wird schon heute als Ministerpräsident vereidigt.

20150920_230019Aufregung im Briefmarkenfernsehn: mindestens zwei Journalistenfensterchen quasseln, im Hauptfenster werden Jubelszenen gezeigt. Unten eingeblendet die Stimm- und Sitzverteilung. Tzipras und Kammenos-ein ungleiches Paar, umarmen sich demonstrativ und geben sich „alle Fünfe“.
„Schon morgen wird Tzipras als Ministerpräsident vereidigt“, steht im Untertitel.

Der Fernseher läuft auf der Terrasse, wir feiern mit einem opulenten Mahl, über der Ebene von Larissa bricht ein heftiges Gewitter los, ein gewaltiges Feuerwerk aus Blitz und Donner. „Dass die Sonne wieder über Griechenland aufgehen wird, verspricht das „Palikari“ Tsipras derweil in seiner flammenden Rede. Die Wahlverlierer kommen auch ausreichend zu Wort, bedanken sich bei den Wählern20150921_010404 usw. . Damit beende ich den diesjährigen Blog, morgen ist Rückflug nach Halle.
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Und der Wahlkampf?

Der ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, zumindest nicht im Straßenbild. Die übliche Plakatschlacht ist weitgehend ausgeblieben. Das ist merkwürdig, denn Übermorgen ist Wahl. Möglicherweise liegt die neue Enthaltsamkeit daran, dass die Regierung Tsipras die Wahlkampfkostenerstattung für die Parteien radikal gekürzt hat. Ganz selten erscheinen noch Plakate der beiden chancenreichen Bewerber, hin und wieder ruft SYRIZA zu Veranstaltungen in den Städten auf, meistens ist das Porträt des Hoffnungsträgers Tsipras abgebildet, ebenso selten sind Plakate der konservativen Nea Dimokratia mit ihrem Spitzenkandidaten Meimarakis zu sehen. Nach altem Muster tobt sich allenfalls die traditionelle kommunistische Partei in versuchten Massenplakatierungen aus, oder die neoliberale Splitterpartei „Enosi Kendroon“ (Vereinigung der Mitte) des Dimitrios Levendis, der vor allem in Thessaloniki die Straßen mit markigen Sprüchen die Hoheit über die Laternenpfähle erobert hat.

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Links wirbt die KKE für eine Veranstaltung am 12. September, wo Generalsekretär Dimitrios Koutzumbas spricht, rechts reißt der neoliberale Levendis das verfaulte System ein.

Auf seinen Slogan „Wir werden das verfaulte System einreißen“, scheint er besonders stolz zu sein. Die Umfragen sehen ihn bei 1,5 %. Die Umfragewerte sehen ansonsten die Parteien SYRIZA zwischen 28 und 30 Prozent, Nea Dimokratia ebenfalls, abhängig ist das Umfrageergebnis offenbar stark vom Auftraggeber. Man sollte in Griechenland zur Zeit nicht allzu sehr auf Umfrageergebnisse vertrauen. Bei der „Ochi-Abstimmung“ sahen die (publizierten) Umfragen einen knappen Ausgang voraus, und dann siegte das „Nein“ mit gut über 60%. Nach meinen persönlichen „Umfragen“ im Freundes-und Bekanntenkreis kommt SYRIZA auf über 90%, die linken SYRIZA-Abspalter um Lafzanis (Laiki Enosi, Volkseinheit) bekommt nahezu den Rest, bis auf eine Stimme, die an die KKE geht. Aber mit den persönlichen Wahrnehmungen ist dass so eine Sache, jeder hat seine eigene Perspektive.  Einen Eindruck habe ich aber dennoch: die Diskussion um Politik ist nicht mehr lautstark und leidenschaftlich. Der Ton ist stiller geworden. „Kati tha vji“ (irgendwas wird schon herauskommen) ist häufig zu hören.

Der Wahlkampf findet nun nicht mehr auf der Straße, sondern in den Medien statt, und das vor allem im Fernseher. Es gibt Life-Übertragungen der großen Kundgebungen von Nea Dimokratia und Syriza in Athen, und auch Diskussionsrunden in den Fernsehstudios.

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Gerne wirden in den Fernsehformaten der Bildschirm aufgeteilt. Manchmal, wenn viele Leute was gleichzeitig zu sagen haben, erscheinen ganz viele Briefmarkenköpfe. Hier eigentlich nur ein Zweiteiler. Links wehende griechische Fahnen auf einer zentralen Kundgebung der Nea Dimokratia, rechts eine Umarmungsszene mit Tspras. Im rot unterlegten Untertitel geht es um die Lagarde-Liste. einer Liste mit über 2500 schwerreichen Steuersündern, und in deren Vertuschung und Manipulationen besonders die Altparteien ND und PASOK verstrickt waren. Tsipras verspricht im Falle seines Wahlsieges, diese Liste abzuarbeiten.  Darunter steht noch, dass es ein Kopf-an Kopf-Rennen zwischen ND und SYRIZA geben wird.

Der Wahlsonntag ist auch unser letzter Urlaubstag. Erste vernünftige Ergebnisse werden am Sonntagabend gegen 21.00 h erwartet. Wir haben uns schon zum Abschied verabredet: da setzen wir uns auf die Plateia von Platykampus, einem landwirtschaftlich geprägten Vorort der Großsstadt Larissa. Dort gibt es einen Wirt, der die besten Souvlakia macht. Er hat einen großen Fernseher aufgebaut, um den sich die Leute scharen werden. Mal sehn, kati tha vji.

 

 

 

 

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Ausflüge durch das Ossa-Gebirge.

Es muss nicht immer die gut ausgebauten, halbneue Straße von Agia nach Agiokampos sein, oder die etwas ältere, die auch von Agia nach Agiokampus, an Skiti vorbei, die Thessalische Ebenen mit der Ostküste, die heute den Namen „Paralies Larrisaion“, Strände des Bezirks Larissa, tragen, verbindet. Es gibt weit aus mehr, auch den Einheimischen unbekannte Schleichwege durch die Berge, solche, die einst die Bauern der hoch gelegenen, aber sicheren Dörfer in den Höhen des Ossa wählten, um an den Kampos, also an die an der Küste gelegenen Felder und Marschländer, zu gelangen. Diese Wege gibt es immer noch, teils sind sie durchaus als mit robusten Autos befahrbare Schotterpisten ausgelegt.

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Blick aus der Ebene zwischen Agia und Dimitra, hinauf in die Berge des Osssa, wohin unsere Reise geht

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Ganz am Horizont im Osten die Ägäis, sonst ist alles grün. Aussicht von der Höhe bei Melivia.

Sie zu befahren, erfordert etwas Mut, und nach Möglichkeit ein Fahrzeug, das Kratzer ab kann, wo gelegentliches Aufsetzen kein grundsätzliches Problem darstellt oder gar  ängstliche Werkstattbesuche zur Folge hat. Benzin sollte man dabei haben, Wasser nach Möglichkeit auch. Zwar sind die Strecken, die ich hier vorschlage, relativ kurz, aber erfordern ihre Zeit, und wenn man dann doch liegenbleiben sollte, ist Hilfe stundenlang weit weg. Handyempfang ist nicht überall in den Tiefen Wäldern von Mavrovouni und  im Ossa garantiert.  Darf ich zu einem kleinen Abendausflug von Agiokamos, entlang der Strände, nach Paliouria, einladen? An diesem langweiligen Strandort biege ich allerdings plötzlich scharf nach links ab, wir folgen einem kleinen Bachlauf unter Platanen, und befinden uns auf einer Schotterpiste. Nein,ich habe mich nicht verfahren. Unter schattigen, eindrucksvollen Platanen folgen wir dem Bach, rechts und links liegen Plastikschläuche, mit denen die Obst- und Kastanienbauern ihre Plantagen bewässern. Noch gibt es eine Lichtleitung, die zeigt: hier gibt es Zivilisation. Nach drei Kilometern sanfter, steiniger Strecken entlang des Baches kommt das vorerst letzte, einsame Häußchen in einer Kastanienpflanzung, das ältere Ehepaar sieht erstaunt zu, wie wir mit unserer Schrottkarre den Weg weiter nach oben in die Wildnis fortsetzen. Jetzt wird der Weg schlechter, und die Ohren beginnen zu knacken – es geht aufwärts. Tiefe Täler, sattes Grün und beginnende Herbstfärbung, die bei den Platanen und Ahornen beginnt,  zeigen, dass es hier schnell mal trocken wird. Nur in der Ferne hört man mal eine landwirtschaftliche Maschine, vielleicht eine Wasserpumpe, rumpeln, sonst ist es still. 09-05-palimeli-dromo3Dabei ist die Strecke ein Anfängerweg. Gerade erst hat man frischen Schotter über die immer von den Herbst-und Winterunwettern überspülten, freigelegten Felsbrocken geschüttet und planiert. Der Ausblick: Manchmal sieht man das Meer.

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Unterwegs nach Melivia.

Sonst aber eigentlich nur: lichten Wald, eine grüne Hölle, verhältnismäßig enge Täler zwischen den in kurzer Frequenz aufwellenden Hügeln. Nach etwa einer halbe Stunde  kommen Abzweigungen. Ein verrostetes Schild verweist auf eine Einrichtung der Telekom, wahrscheinlich einen Funkmast. Besser also dem Gefühl folgen, und ungefähr in Richtung der schon tiefstehenden Sonne westlich weiter fahren.  Die Abzweigungen werden mehr, und die gelegentlich entgegenkommenden „Agrotika“ (landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge der Kleinbauern, meistens uralte, verbeulte Pickups von Toyota) zeigen, dass wir hier schon wieder langsam in die Periferie einer menschlichen Siedlung eintreten.  Hier werden Äpfel, Äpfel, nochmals Äpfel und Kastanien angebaut. Wir befinden uns schon in erklecklicher Höhe über dem Meer, dessen Blick die grünen Höllenberge manchmal gestatten.  Wir rumpeln noch etwas weiter über die Piste, als dann erreichen wir den  Ort Melivia (die Alten sagen „Athanati“, wie aufmerksame Leser wissen).  In Melivia sitzen alte Leute auf der Plateia, Pickups stehen am Straßenrand. Jetzt, da Apfelernte ist, wird hier viel Albanisch gesprochen, die junbgen Männer ducken sich weg, wenn man den Platz fotografiert.

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Auf der Plateia von Melivia

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Melivia.

Hier könnten wir einen Tsipouro in eine der zahlreichen Tavernen zwischen den Opas einnehmen, es beginnt aber zu dämmern, und im Herbst wird es in Griechenland schnell und schlagartig dunkel. Also nehmen wir die jetzt befestigte Straße herab Richtung Agia, wieder durch Platanenwälder, wo man schon das Licht einschalten muß. Unten in Agia, das wir durch viele Apfel- und Kastanienplantagen erreichen, dämmert es schon. Der richtige Zeitpunkt, um durch die belebten Straßen zu schlendern, um dann einen Tsipuro mit Mesedes einzunehmen. Das wäre nur ein Tourvorschlag, für den Anfang.

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Abends in Agia

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Irgendwo zwischen unterwegs zwischen Paliuria, hinauf nach Melivia.

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Die Schotterpiste, die oberhalb von Melissochori hinauf führt.

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Irgendwo im Wald. Endlich ein Wegweiser.

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Jede Menge Holz : Abfahrt nach Karitza.

Wer noch nicht nicht genug hat, dem sei am nächsten Tag eine Fahrt empfohlen, die nur etwas länger dauert, aber schwieriger, und ob der Einsamkeit gefährlicher ist. Ausgangspunkt könnte beispielsweise wieder Agia sein, von vo wir die Auffahrt nach Metaxochori nehmen. Die dortige Platia lassen wir liegen, mag auch ihr Angebot noch so verlockend sein, denn wir fahren weiter hinauf nach Melissochori (auch Platia, auch super Tsipuro und Mesedes, aber lassen wir auch liegen). Oberhalb des Dorfes beginnt dann wieder so ein „Chomatodromos“, also ein Erd- und Schotterweg. Den könnte man weiter „bequem“ den Hang entlang weiter nach Anatoli (Selitsani) nehmen, wo es die berühmten Pilze gibt. Wir biegen aber nach ein paar Kilometern  an einer Wegekreuzung rechts ab. „Karitsa“ steht da drauf, 26 Kilometer. Das klingt wenig, aber es braucht zwei Stunden Abenteuerfahrt, wenn man da hin will. Oder länger, denn weitere Hinweisschilder gibts nicht, und der Möglichkeiten, sich in dem Dickicht aus nicht erkennbaren Wegen zu verfahren, gibt es viele. Zunehmend wird es dämmrig,  denn die Gegend liegt an der Ostseite des Ossamassives, und der Wald aus hohen Buchen steht hoch und dicht. Zuweilen wird es schon richtig dunkel, etwas Panik kommt auf, denn hier oben gibt es keinen Handyempfang, und das GPS istr auch tot. Wenigstens führt der Weg endlich wieder abwärts. Holzstapel liegen zur Abfuhr bereit, auch kommt man an einer Art Zelt aus zerlumpten Planen vorbei, neben denen Holzrückmaultiere weiden. Hier übernachten die Waldarbeiter. Die Zivilisation ist also noch weit, möchte man meinen, doch dann kommen wir an einem alten Schild vorbei. Es sind tatsächlich noch 12 Kilometer bis Karitsa, es ist gerade einmal etwas über die Hälfte des Weges geschafft. Die Schotterpiste wird aber besser: es tauchen Wasserleitungsschläuche auf, es gibt wieder Kastanienbäume und irgendwann erscheinen auch Telegrafenleitungen, die sich noch deutlich gegen den dunkelblauen Abendhimmel abheben. In tiefer Dämmerung erreichen wir endlich Karitsa, ein Dorf mit einer ausgefallen netten Platia, auf der es Tsipuro und Mesedes gibt, und von wo  man den Blick über das langsam in Dunkelheit versinkende, sicher noch 400 meter tiefer liegenden Meer schweifen lassen kann.

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Blick auf die Ebene von Larissa, von der Strasse nach Anatoli aus gesehen.

Eine richtig klasse Abenteuertour aber, für Leute, die noch höher hinaus wollen, könnte man (fast) bis zum Gipfel des Ossa machen.

Dazu fährt man ab Agia an Anatoli vorbei (ca. 800 Höhenmeter), und kurz bevor man das Kloster Johannes des Täufers erreicht, muss man auf ein kleines, gelbes Schild achten, das auf die „Korifi Kissavou“ (Gipfel des Kissavos) weist. Über die holprige Steinpiste schraubt man sich durch größtenteils verkarstetes Gelände hinauf, verschiedene Wacholderarten stehen in der von Ziegen kahlgefressenen Landschaft. Der Blick ringsum, in die thessalische Ebene im Westen,  zum Pilion über Mavrovouni im Süden, die Ägäis im Westen – überwältigend. Man fährt einfach weiter, bis es nicht mehr geht, oder die Angst, liegenzubleiben, zu groß wird. Den Gipfel des immer näher rückenden Kissavaos haben wir übrigens bisher nie erreicht. Irgendwann mal – vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht ist es ja dort oben ja auch so langweilig wie auf dem Brocken.

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Man sollte auf Schildkröten achten, die manchmal etwas unbesonnen die Piste queren.

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Blick auf das Ossa-Massiv, gesehen von Mavrouvouni in Richtung Westen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keimsprossen für Zickenbabies, Samentausch und Safran.

Wie die Zeit vergeht. Wir erleben nun schon die sechste All-Thessalische Samentauschbörse.  Wie letztes Jahr, wie vorletztes Jahr. Wieder organisiert von den „Energi polites Larissas“, der Organisation PELETI, und natürlich, mittlerweile fest eingebunden, dem Nonnenkloster Agios Joannis Prodromas. Schwester Theoniki haben wir dieses Jahr nicht getroffen, sie weilt noch in Estland, wo eine weitere Niederlassung des Ordens gegründet wurde.

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Orthodoxes und alternatives Publikum: eine interessante Melange.

Die Veranstaltung kann sich vor dem Besucheransturm kaum retten. Alle Waldwege um das abgelegene Kloster sind beidseitig zugeparkt. Schon im sechsten Jahr tauscht man immer noch Saatgut aus dem heimischen Gartenanbau, um Konzerne wie Monsanto in die Knie zu zwingen. Jedesmal nehme ich von hier Samen mit,  ich bringe zuweilen aus halleschem Anbau etwas mit. Einer unserer Freunde hat letztes Jahr schon Gimritzer Kürbisse in halb Thessaliien verteilt (eine tatsächliche eigene Sorte, auf die selbst Monsanto stolz wäre) und dieses Jahr durfte ich die Früchte in etlichen thessalischen Hausgärten bewundern. (Sie stehen nun vor dem Problem einer gewaltigen Ernte – zwar macht man hier nicht nur Kürbissuppe, sondern auch Kolokithopites, man überbäckt auch Kürbisblüten in Bierteig pp), aber ich fürchte, dass bald niemand mehr Kürbis sehen kann – wie auch um die Halloweenzeit bei uns, wo man dem Horror tausender Einladungen zu Kürbissuppen kaum entrinnen kann).

Bevor nun die „Börse“ eröffnet wird, bei der es so zu geht, wie überall auf der Welt, wenn es etwas umsonst gib, gibt es erst einmal eine Ansammlung Reden, Ansprachen usw.

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Ein Vortrag über Safran

Interessant dabei war auf jeden Fall der Vortrag eines pensionierten Lehrers, der eine Initiative anführt, die in Thessalien Schulgärten aufbaut. Das Projekt ist anspruchsvoll, denn die Schulen haben (wie in Halle) kein Geld, kein Personal, und  es fehlt den Kindern einfaches Grundwissen, was die Herkunft der Lebensmittel betrifft. In den Schulgärten zeigt man den Kindern nicht nur, wie Kichererbsen, Auberginen und Okraschoten wachsen. Sondern es werden traditionelle Raritäten wieder eingeführt. Seine besondere Liebe gehört dem Schulgärtner aber dem teuersten Gewürz der Welt:  Safran. Lange war der Anbau in Griechenland in Vergessenheit geraten, bis vor einigen Jahren in den Dörfern um das nordgriechische Kozani eine Kooperative entstand, die den Safrananbau wiederbelebte. Mittlerweile wird auf ca. 300 Hektar Boden um Kozani Safran gepflanzt. Unter der mittlerweile anerkannten Herkunftsbezeichnung „krokos kosanis“ wird es vertrieben. Die Pflanze, die den „Krokos“, also den Safran liefert, ist tatsächlich ein Krokus. Nicht ein solcher, wie wir ihn aus unseren Vorgarten kennen.

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Blühender Safrankrokos, schon teilbeerntet: ein Griffel fehlt schon)

Endemisch, also „Einheimisch“ ist der Safrankrokus auf Kreta, von dort verbreitete er sich ausschließlich durch Menschenhand, seit der Bronzezeit. Nur Menschen können den Krokus vermehren und verbreiten. Denn unser Krokus ist gewissermaßen kastriert, zu einer weiträumigen Verbreitung über Samen nicht fähig. Er ist triploid, hat also einen ungeraden Chromosomensatz, was das Ergebnis einer zufälligen Mutation aus einem wilden Herbstcrocus (C. cartwrightianus) ist. Deshalb ist er unfruchtbar. Und so reckt er (oder eher sie) ewig unerfüllt seine die riesigen, übergroßen weiblichen Stempel aus der Blüte, in der Hoffnung dass doch etwas passiert. Die Kreter werden sich dann um die Vermehrung des herrlichen Gewürzes gekümmert haben. Denn vegetativ, also über die sich immer wieder teilenden Knollen, kann Safran noch vermehrt werden. Über Kreta verbreitete sich das Gewürz im Mittelmeerraum, in Kleinasien (im Iran liegt heute das bedeutendste Anbaugebiet), sogar bis in die Schweiz, und in die Niederlande. Chemische Qualitätskontrollen zeigen immer wieder, dass der Safran aus Kozani Spitzenqualität hat: der Gehalt an Crocetin (Farbstoff) und Safranal (Aroma) liegt um einiges höher als die Durchschnittsqualität des Weltmarktes.  Die Ernte um Kozani reicht aber  nicht einmal aus, um den europäischen Bedarf zu decken, denn mehr als ca. 300 Kilo werden auf der gesamten Anbaufläche nicht erzeugt. Teuer ist der Safran aber nicht nur wegen des geringen Flächenertrags, sondern der mühsamen Erntemethode. Nur die Griffel der Blüten sind das Gewürz, sie werden einzeln von Hand aus der Blüte gezupft und sofort schonend getrocknet. Dafür gibt es keine Maschinen. Andererseits: nur wenige Milligramm verleihen dem Gericht (beispielsweise einem Risotto,) nicht nur die gelbe Farbe („Safran macht den Kuchen gel“), sondern einen honigartigen, blütigen Duft.

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Safranknollen aus Kozani, wie wir sie auf der Börse bekommen haben, und bald in Halleschen Boden versenkt werden

Bei den Vorträgen der übrigen Redner geht es aber nicht nur um die Errthaltung einheimischer Gartenpflanzen.  Die Veranstaltung erinnert an eine leicht esoterisch durchsetzten Kongress rings um den alternativen Landbau. Die üblichen verdächtigen Themen („Monsanto“, „Gefahren der Gentechnologie“, „Weltweite Monopolisierung der Natur durch Saatgutpatente“) dürfen natürlich nicht fehlen. Skurill wird aber der Auftritt eines Vertreters der türkischen Firma „Agritom“.

Die Firma hat eine Maschine entwickelt, die jederzeit  „kostengünstiges“, und „besonders proteinreiches“ Grünfutter für Schafe, Ziegen und Rinder produziert. Eine containergroße Maschine produziert Jährlich 150-200 Tonnen Grünfutter. Es werden Bilder gezeigt, wie sich Bioziegen auf die saftig grünen Futterpakete stürzen, während sie das Trockenfutter liegen lassen. „Ihre Tiere werden nie wieder etwas anderes fressen wollen“, sagt der Handelsmann. Man spare Platz, und sei unabhängig von den Jahreszeiten. Was Tiere überzeugt, leuchtet dem mehrheitlich gläubig zuhörenden Publikum natürlich auch ein. Den Nonnen hat er ein kleines, kühlschrankgroßes Gerät zur Vorführung in den Stall gestellt. Ein magisch violettes Leuchten dringt aus der Anlage. Doch so magisch ist das System eigentlich nicht, nur auf die Dauer etwas teuer, wegen des enormen Stromverbrauchs. Es ist nämlich eigentlich nichts anderes, als die Großversion jener Indoor-Growschränke, mit denen Freunde spezieller „Grassorten“ ihren Bedarf decken. In den Agritomkisten werden allerdings nicht Cannabispflanzen groß gezogen (wäre ja eine Idee :  „die Tiere werden nichts anderes mehr fressen wollen“), sondern Keimsprossen aus Getreide angezogen. Das geht schnell, dank des violetten Kunstlichts, das trotz der LED- Technik ein Vermögen an Strom frißt. Angeblich reichen 1200 Watt, um im Dauerbetrieb 150-200 Tonnen (!) grüne Sprossen zu ziehen. Nu ja, wers glaubt….

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Sie würden auch lieber die leckeren Keimsprossen aus dem „Agritom“-Container fressen, als an dem öden Gestrüpp der Berghänge des Ossa kauen.

Ob die Nonnen sich ein derartiges Gerät aufschwatzen lassen, war nicht in Erfahrung zu bringen. Die Äbtissin, mit der  wir uns längere Zeit unterhielten, und die mit einen großen ökonomischen Sachverstand gesegnet schien, wirkte eher skeptisch. Aber den klösterlichen Ziegen hat es geschmeckt. Und die verwöhnten Ziegen stehen ja nicht am Ende der Nahrungskette. Für die ökonomisch nüchtern denkenden Klosterfrauen ist es selbstverständlich, dass die Tiere geschlachtet und genossen werden. Am schmackhaftesten ist natürlich das zarte Fleisch der Milchzicklein, das man hier – als Frischware im gut sortierten Bio-Klosterladen, kaufen kann. Milchzicklein sind Tiere, die bis zur Schlachtung noch an den Zitzen ihrer Mutter hingen. Ihr Schlachtgewicht liegt dann so bei 7- max 10 kg, größer sind sie nie. Da man so etwas in Deutschland praktisch nie bekommt, greifen wir zu.

Die Zickleinschenkel  kommen abends mit Gemüse, Öl, Zitrone, Knofi und Kräutern  in den Ofen, ganz einfach – und es ist in der Tat ein Gedicht. Rezept: s. die folgenden Bilder.

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Katziki Galaktos, Bouti: Schenke von der Milchzicke.

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Kartoffel, Gemüse (Paprika, Tomaten, was halt da ist), etwas scharfe „Piperies“ (halbscharfe, grüne Paprika), Knoblauch, Tomaten (pellen, kleinmatschen) .

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Die Keule etwa eine halbe Stunde im Ofen mit Öl bei großer Hitze vorgrillen. Etwas einschneiden. Dann das Gemüse zugeben, Zitronensaft, und Weißwein (besonders reichlich) zusetzen, salzen, und ab in den Ofen.

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Nach etwa einer Stunde bei ca. 180 Grad nachwürzen: Lorbeer, Fenchelkraut, Thymian, Oregano, Kreuzkümmel, 5-10 leicht zerstoßene Körner Piment. Dann wieder ab in den Ofen, ein Stunde weiter ziehen lassen.

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Das Foto ist, zugegebenermaßen, nicht so toll. Aber das Fleisch und die Soße schmecken himmlisch.

Türkischrot aus Abelakia: Aufstieg und Fall einer internationalen Handelsmetropole in den Gebirgen des Ossa.

Nur 15 Kilometer sind es bis zur Mautstation, die man auf der Autobahn von Larissa in Richtung Katerini und Thessaloniki passieren muß. Man entrichtet hier nur 1,40 Euro, dann darf man die enge Passsage durch das einst romantische Tempi-Tal-passieren. Wir biegen jedoch gleich rechts ab, folgen den Schildern nach Ambelaki, das man nach 5 Kilometern steiler Serpentinenstrecke erreiht. (Man kann sich auch die Maut sparen, fährt dann über Ajokampos-Velika-Kokkino Nero, Stomio nach Ampelakia).

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Auf halber Höhe, Blick über das Tal des Pinios, in Richtung Larissa. Im Vordergrund ist die Serpentoinenstraße nach Ambelakia zu erkennen. Unten rechts beginnt das Tempi-Tal ( und wer eine Lupe hat, sieht sogar die Mautstation).

In der Gegend um das Tempi-Tal wächst heute noch eine Pflanze, die man für eine Art mutierten, zu groß geratenen Waldmeister halten würde. Es ist der sogenannte Krapp, Rubia tinctoria, aus der Familie der Rötegewächse. Das unkrautartige Gewächs ist  ein Relikt eines agrarisch-und vorindustriellen wirtschaftlichen Zweig Thessaliens, hier ist es ausgewildert, und bedürtfe eigentlich strengster Unterschutzstellung. Selbst die chemische Industrie Deutschlands wäre ohne dieses Kraut, und ohne seine einstige regionale Bedeutung,möglicherweise weniger denkbar. Der Lauf der Geschichte, der Bayer, Höchst und BASF möglich machte, passierte hier in Ampelakia und im Tempi-Tal gewissermassen eine historische Mautstation, die wohl nur schwer zu umfahren gewesen wäre.

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Krapp oder Färberröte, Rubia tinctoria L.

Die Wurzeln der Pflanze enthalten einen leuchtend gelben Farbstoff, das Alizarin. Schon in der Antike hatte man heraus gefunden, dass dieser gelbe Farbstoff in ein leuchtendes Rot umschlägt, wenn man ihn mit Aluminiumsalzen zusammenbringt. Mit aluminiumreicher Tonerde gekocht, erhielt man pinkfarbene Farbpulver, mit denen man beispielsweise die hellenistischen Tanagra-Figuren bemalen konnte, damit die dann aussahen, wie heutige Barbiepuppen. Man hatte auch herausgefunden, dass man damit Wolle und Seide färben kann, indem man die Aluminiumsalze auf Wolle aufziehen ließ, wo sie sich chemisch fest mit der Faser verbanden. Dann wurde die Wolle mit einem Absud aus Krappwurzeln behandelt, das Alizarin und verwandte Farbstoffe banden dann wieder an dem Aluminium, und das Ergebnis war ein rotes Garn von guter Lichtechtheit, und die feste chemische Bindung sorgte für eine „waschechte“ Färbung. Eine der ältesten Nachweise für Textilfärbungen mit Krapp finden sich sogar schon an Mumientextilien aus chinesischen Provinz Xinjiang (Nordwestchina, Turfan-Becken) aus der späten Bronzezeit, Ende des 2. Jahrtausend v. Ch.

Auch in Mitteldeutschland lässt sich die Kenntnis dieses Farbstoffs – wohl als importierte römische Technologie –  nachweisen, schon in Textilien des 3. Jahrhunderts nach Christus finden sich Farbstoffspuren der Krapppflanze  in mitteldeutschen und norddeutschen Gräbern. In der Gegend um Halle und Leipzig  wurde Krapp noch im 18. Jahrhundert in großem Umfange angebaut, um damit Wolle und  andere tierische Fasern zu färben.

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Traditionell werden in Griechenland auch Ostereier mit Krapp gefärbt. Andere Eierfarben als rot gelten als westliche-moderner Einfall.

Abertrotzdem bleiben bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Christus blieben farbige Textilien, insbesondere brillant rote, ein Statussymbol, das nur höheren Klassen der Gesellschaft vorbehalten war. Die aufwändigen Verfahren und die teuren Rohstoffe waren der Grund dafür. In der frühen Neuzeit gewann Baumwolle als Faserstoff an Bedeutung – ein vergleichsweise günstiges Material, und Baumwolle wird bis heute in der thessalischen Tiefebene mit großem ökonomischen Gewinn (und hohen Verlusten für die Umwelt) angebaut. Leider ließ sie sich mit den damaligen Methoden nicht färben. Das Aluminium haftete nicht so einfach an Pflanzenfasern, im Gegensatz zu tierischen Fasern wie Wolle oder Seide. Wo und wann genau die Technik der „Türkischrotfärberei“ erfunden wurde, liegt im Dunkeln, es muß aber im 17 und frühen 18. Jahrhundert gewesen sein. Möglicherweise hier in Ampelaki, jenem kleinen Dörfchen 800 Meter oberhalb des Tempi-Tals, schwer erreichbar, gut versteckt.

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Das gewaltige „Archontikon“ (Herrenhaus) des Färbers Georgios Mavros alias „Swarts“ in Ambelakia ist kaum zu übersehen.

Die Genossenschaft von Ambelaki verstand sich jedenfalls auf die Kunst, das Unmögliche möglich zu machen, und eben auch das Aluminium auf der Cellulosefaser Baumwolle zu fixieren. Das Verfahren hielten sie streng geheim. Heute weiß man, wie das ging, Haftvermittler waren Aluminium-Fettseifen, die auf der Faser kleben blieben. Von Chemie verstanden die Leute von Ampelaki nicht viel, denn auch in Westeuropa entwickelte sich die moderne Chemie erst Ende des 18. Jahrhundert langsam aus der Alchemie.

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Im Tresorraum der Genossenschaft Swarts verwahrte hier nicht nur sein Privatvermögen, sondern treuhänderisch auch das der Genossenschaft. Die Doppeltür ist erst durch einen als „Kartoffelkeller“ getarnten Raum zu erreichen.

Die Alchemie ging bislang davon aus, dass man Eigenschaften auf fremde Substanzen „übertragen“ könnte, so etwa Silber durch „Tinctur“ die Eigenschaft „golden und unverwüstlich“ zu verleihen, es also in Gold zu transmutieren. Übertragen auf die Pflanzenfasern hieß das, man müsste diese erst einmal animalisieren, um auf sie die Eigenschaft der färbbaren,tierischen Fasern zu übertragen.So experimentierte man mit allerlei tierischen Produkten herum, behandelte Pflanzenfasern unter anderem mit Schafsmist und tierischen Fetten. Letztere sorgten dann, unter den vielen unsinnigen Schritten,  für den Erfolg. Die „türkisch rot“ gefärbten Baumwollgarne aus Ambelaki wurden der Exportschlager schlechthin. Handelspartner war vor allem Deutschland, aber auch Briten und Franzosen begehrten den trotz langer Exportwege günstigen, roten Stoff. „Türkischrot“ hieß das Verfahren deshalb, weil Thessalien – wie auch nahezu ganz Griechenland damals zum osmanischen Reich gehörte. Man gründete in Ambelaki eine Art Genossenschaft der Färber, deren Zeil einerseits die Vermarktung war, andererseits die Hütung des Geheimnisses. Dioe Genossenschaft der Färber von Ambelakia, gegründet 1785, galt seinerzeit als sensationell. Sie gilt als Vorläufer der späteren Agrargenossenschaften, aber auch des griechischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsbankwesens heutiger Zeit [Karl Kienitz, Existenzfragen des griechischen Bauerntums. Agrarverfassung, Kreditversorgung und Genossenschaftswesen. Berlin 1960, S.66]; weiterführende Literatur mit umfangreichen Recherchen auch hier: Ulrich Bernhard: Ambelakia – eine europäische Utopie: „Vor 200 Jahren lebten hier 6000 Menschen und es gab eine reiche kulturelle Vielfalt, die in ihren verwirklichten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in dieser Form nirgendwo im übrigen damaligen Europa Ihresgleichen fand“ . Organisiert war (lt. Bernhard) nicht nur das Finanzwesen, das es Nicht-Ambelakioten verbot, in die Finanzgeschäfte der Syntrophia (der Genossenschaft) zu investieren: sondern es waren verfaßt: „das Recht auf Ausbildung,
eine Altersrente, eine Kranken- und Armenfürsorge, die ökonomische Teilhabe aller
in Form von Aktien, am erarbeiteten Mehrwert und die damit verbundene Mitentscheidung
für alle- Mann, Frau, ja selbst Kind. Die Regeln der Teilhaber sind streng. Nur Angehörige
aus Ambelakia können Anteile zeichnen und nur eigenes Kapital darf verzinst
werden. Kein fremdes Kapital darf aufgenommen werden.“(Bernhard, s. O.)

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Das Untergeschoß ist aus meterdicken Bruchsteinmauern entstanden. Dort befindet sich auch der „Tresor. Die beiden Obergeschgosse, nach osmanischer Art orkragend, bestehen aus einer Holz-Lehm-Konstruktion, die überputzt und neben dekorativer Malerei auch mit vorgetäuschtem Mauerwerk versehen ist. So verging den „rohen Muselmännern aus Larissa“ wohl schon vom Anblick der Mut.

So machte man sich unabhängig von fremden Krediten und Zahlungsverpflichtungen. Eine traumhafte Vorstellung angesichts der jüngsten Bankenkrise in Griechenland.

Und man wehrte sich verhältnismäßig erfolgreich gegen türkische Steuereintreiber (das Dorf ließ sich aufgrund seiner strategisch guten Lage und der Festungsartig ausgebauten Häuser gut verteidigen) als auch gegen ausländische Spione. Es existieren mehrere Reiseberichte aus dieser Zeit, die immer wieder in der westeuropäischen Encyclopädischen Literatur erscheinen. So lesen wir im Jahre 1813 in Diesbachs Neuester Länder- und Völkerkunde: Ein geographisches Lesebuch für alle Stände (Prag 1813, Band 14, S. 262-264, über die „Europäische Türkei“:Das Dorf Ambelakia liegt auf dem Abhang des Ossa, und auf dem rechten Ufer des Peneus, zwischen Larissa» und dem Meere. Es gleicht durch die lebhafte Thätigkeit, die darin herrscht, mehr einem holländischen Flecken, als einem türkischen Dorfe. Es verbreitet durch seine Industrie Leben und Bewegung in der ganzen Gegend umher, und durch seinen Fleiß tritt Teutschland mit Griechenland in eng, Verhältnisse. Seit funfzehn Jahren ist seine  Bevölkerung auf das dreifache gestiegen, und betragt gegenwärtig viertausend Seelen. Alle Einwohner leben in und von Färbereien, und man kennt unter ihnen den Müßiggang nicht. Auch ist die Sklaverei, die rings um sie in. den Ebenen, die der Peneus bewässert, ihre Geißel schwingt, nie bis zu ihnen vorgedrungen; sie dulden gar keine Türken unter sich, und werden nach der Weise ihrer Vorfahren durch selbst gewählte  Obrigkeiten regiert. Zweimal haben die rohen Muselmänner von Larissa aus den Versuch gewagt, ihre Berge zu ersteigen und ihre Hauser zu plündern, aber beide Male sind sie von den Einwohnern, die schnell den Weberstuhl verließen, um die Musquete zu ergreifen, zurück geschlagen worden.

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Schlafgemächer im Haus des Genossenschaftsdirketors. Hier wurden auch die Handlungsreisenden als Gäste der Syntrophia aufgenommen.

Jedermann, auch sogar die Kinder, sind hier mit der Färberei beschäftigt, und während die Männer das Garn färben, spinnen und bereiten es die Weiber. Alle Einwohner leben von, dem Ertrag ihrer Fabriken, und bilden sammtlich nur eine Familie von Brüdern und Freunden. Die schöne Verfassung, die von den Jesuiten in den Wäldern von Paraguay gestiftet werden sollte» findet man hier auf dem beschneiten, felsigten Ossa wirklich eingeführt. Es scheint Zauberei zu  seyn, wenn man auf einmal in den Griechen ganz andere Menschen findet; sie sind fleißig und nachdenkend, an die Stelle der National=Eitelkeit sind großmüthige Gesinnungen getreten, und hohe Ideen von Freiheit keimen auf einem Boden, den seit zwanzig Jahrhunderten Sklaverei entehrt. Der ganze Charakter der alten Griechen zeigt-sich wieder mit seiner vorigen Energie, und alle Talente, alle Tugenden des alten Griechenlandes erwachen wieder in diesem wilden, entlegenen Winckel des neuern.

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Osmanischer Barock in Reinkultur – und dazu bester Erhaltung. Das ist sowohl in Griechenland als auch in der Türkei extrem selten.

Man findet in Ämbelakia vier und zwanzig Fabriken, in denen,jährlich 2500 Ballen türkisch Garn, jeder Balle von hundert Oken, gefärbt werden. Diese 2500 Ballen gehen sämtlich nach Teutschland, und zwar über Pest und Wien nach Leipzig, Dresden, Ansbach, Bayreuth u. s. w. In den meisten dieser Städte haben die Kaufleute von Ambellakia eigene Comptore, worin sie das türkische Garn unmittelbar  an die teutschen Manufacturen absetzen. .

Man hat auch im übrigen Europa vielfältige Versuche gemacht, das Baumwollengarn roth zu färben, und sogar haben sich griechische Färber in der Mitte des vorigen Iahrhunderts in Montpellier niedergelassen, und solche Fabriken auf griechischen Fuß errichtet. Die franzosischen Färber lernten ihnen ba!d ihre Handgriffe ab, und jetzt wird in Languedoc, Bearn, Rouen ,Mayenne  u. s. w. eine Menge Garn auf levantinische Art roth gefärbt. Auch die Oesterreicher haben glückliche Versuche hierüber angestellt. Dessen ungeachtet hat man die rothe Farbe, die dem türkischen Garn, das aus der Levante kommt, eigenthümlich ist, noch nicht nachmachen können; sie behält immer eine: Glanz und eine Lebhaftigkeit, die von der unsrigen nicht erreicht wird. Es fragt sich aber, woher denn dieser Verzug eigentlich kommt ? Viel» Färber behaupten, der Schafmist  trage am meisten dazu bei; andere sagen, das türkische Roth erhalte hauptsachlich daher seine Schönheit, daß man das Garn jedes Mal, wenn es aus einem Bade kommt, wieder sorgfältig ausspühlt,  indem die Farbe dadurch desto leichter eindringe und sich inniger milt dem Garn vermische. Auch scheint das vollkommene Austrocknen nach jedem Bade ein wesentliches Erfordernis zu seyn, es mag geschehen, auf welche Art es wolle, im Schatten oder in der Sonne.

In vielen Fabriken wird auch Urin anstatt des Wassers genommen, allein im Sommer geht dieser zu bald in Faulniß über. Anstatt der Gallapfel wird in manchen Orten Sumach oder ein anderes gemeineres zusammenziehendes Mittel genommen, wie z. B. Granatenrinde, oder Wurzeln von Nußbäumen, Erlen und Eichen.

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hier ist auch das Komplexe (oder wie wir vor zweihundert Jahren gesagt hätten: „zusammnengesetzte“ Lichtregime eines osmanischen Herrenhauses zu verstehen. Die von Stuckrahmen (häufig zweischalig ausgeführten) Schmuck-Oberlichter liegen über den Hauptfenstern, die im Sommer, zur Vermeidung großer Hitze, mit Holzläden („Patsouria“) geschlossen werden.

Ueberhaupt ist das Verfahren der Griechen äußerst zusammengesetzt (komplex): sie brauchen zu ihrer Farbe über fünfzehn verschiedene Ingredienzen, und jede Quantität Garn, die gefärbt wird, kostet über einen Monat Arbeit.“

Schon wenige Jahre später war es mit dem Glanz von Ampelakia vorbei. Ausländische Textilfärber waren den Färbern auf die Schliche gekommen, und nun nimmt der Niedergang seinen Lauf:1837 liest man dann schon in  Friedrich Brans „90. Band der „Miszellen aus der neuesten ausländischen Literatur“  (Jena,S.433 434)

„Ambelakia heißt ein Ort, von dem herab man in das Tempethal blickt. Seine Geschichte giebt den schlagendsten Beweis für alle Behauptungen, welche ich hinsichtlich der Türkei aufgestellt habe. Unter den vielen merkwürdigen Puncten, an denen Thessalien so reich ist, hat mich keiner lebhafter interessiert, als Ambelakia. Sein Handel, seine Thatigkeit und seine Bevölkerung sind verschwunden, aber noch schauen seine Paläste stolz herab auf den staunenden Wanderer, und bescheinigen die Wahrheit von den Erzählungen seines ehemaligen Ueberflusses, der sonst wohl fabelhaft erscheinen möchte“

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Hinten auf der Tribüne, saßen zu festlichen Anlässen die Musiker. Sicher spielte man dort keinen Sirtaki 8gabs damals nocht nicht), sondern eher höfische Osmanische Musik, wie sie sich einst Mozart sogar als Anregung zu seinem „al la Turka“ vorgenommen hat –> Pera-Ensemble)

In Frankreich befand sich nun auch das Hauptanbaugebiet des Krapps, bis die deutschen Chemiker Graebe und Liebermann 1868 nach der Strukturaufklärung des Alizarins auch einen Weg fanden, den Naturstoff billig aus Steinkohlederivaten zu synthetisieren.

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So stellten sich die Maler des 18.Jahrhunderts die ideale Stadt vor: Istanbul könnte gemeint gewesen sein, aber auch Thessaloniki, Bremen… Hauptsache: Häuser, Schiffe, Hafenbecken… und viel Platz zum Handeln.

Das war dann der Beginn der deutschen Farbenindustrie, insbesondere der Firma Bayer in Wuppertal und später Leverkusen, die den europäischen Markt, auch Griechenland, mit billigen, bunten Farben überschütteten. Nicht nur mit Alizarin, sondern auch mit synthetischem Ultramarin, einer wunderschönen himmelblauen Farbe, mit der die Griechen seit der Mitte des 19.Jahrhunderts ihre Häuser blau streichen konnten. Nicht nur in Ampelaki, sondern überall. Was wir für traditionelle griechische Farben, insbesondere auf den Inseln, halten, ist ein der Triumph der deutschen Farbenindustrie. Schon lange sind bunte Farben kein Distinktionsmittel der Reichen mehr, im Gegenteil. Die chemische Substanzbezeichung Alizarin markiert dabei eine lange Kulturgeschichte. „Riza“ ist griechisch und bedeutet „Wurzel“. Die Krappwurzel nannte man dann „Rizari“, und die Türken, denen Konsonanten am Wortanfang unausprechlich erscheinen, nannten sie dann „Irizari“, oder Izari. Ein Arabisches „Al“ davor, und so ist der Weg frei zum Trivialnamen Alizarin, dem leider die internationale Nomenklatur ein jähes Ende bereitet hat: 1,2-Dihydroxyanthrachinon.

Zurück nach Ampelaki. Das bedeutendste und größte der erhaltenen „Archontika“, Herrenhäuser, ist heute Museum. Eines der wenigen heute erhaltenen Herrenhäuser im osmanisch-griechischen Stil in Griechenland überhaupt. Um die Bezeichnung „osmanische“ oder gar „türkische“ Architektur druckst man sich in offiziellen griechischen Denkmalführern etwas herum, insbesondere, wenn sie von der staatlichen Denkmalpflege herausgegeben werden. Da wird dann das Byzantinische heraufbeschworen, was auch nicht ganz falsch sein muß, da natürlich auch die mittelalterliche byzantinische Architektur eine der Grundlagen osmanischer Architektur darstellte. Sogar weitaus der Grenzen Griechenlands.

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Europäisches Common Sense im Design des 18.jahrhunderts: Form vor Funktion. Dieser Kamin hat sicher nie gebrannt. Sonst hätte die ;Malerei nicht überlebt.

Der Besitzer des Herrenhauses: Georgios Schwarz. Er war der Vorsitzende der griechischen Genossenschaft von Ambelaki. Sein ursprünglicher Familienname war „Mavros“, später hat er sich wegen seiner langen Vertreteraufenthalte in Österreich und Wien seinen Namen auf Deutsch übersetzt. Einst ließ sich in der Renaissancezeit unser Freund und Reformator von Schwarzer auf „Melanchthon“ umbenennen, und nur ca 300 Jahre später tut Herr Mavros das Gleiche, nur umgekehrt. Distinktionsmittel der Upperclass haben eine geringe Halbwertszeit. Seien es bunte Farben, Baustile, Automarken, Turkizismen, Gallizismen, Anglizismen: sie durchtröpfeln die gesellschaftlichen Schichten von oben herab wie die Kiesschichten in einer Kläranlage, bevor sie unten als bunte Fallschirmseide am Getränkestand wieder heraus sickern.

Das Haus des Herrn Schwarz diente auch der Genossenschaft als Versammlungsort. Es ist Denkmal türkischen, herrschaftlichen Lebensstils. Orientierte man sich auch handelspolitisch an Westeuropa (nicht anders, als seinerzeit in Istanbul/Konstantinoupoli), so war der Mainstream gehobener Wohnkultur von Istanbul bestimmt. Ein massives Sockelgeschoß aus Bruchstein mit Holzverstärkung, wo Vorräte aufbewahrt wurden, im Halbgeschoss darunter befand sich die Schatzkammer in einem überwölbten, feuersicheren Raum. Im ersten Obergeschoss die Winterwohnungen, darüber, in Fachwerktechnik errichtet, die Sommerwohnungen in reichster Ausstattung nach türkischem Vorbild. Die Ornamentik ist die damals angesagteste des osmanischen Reiches: Naiv nachempfundene Roccaillen türkischer Umprägung, idealisierte Landschaften, rührend naiv gemalt, zeigen das, wie man sich die Hauptstadt Konstantinopel vorstellte. Von den Zentren hehrer Kunst war er weit entfernt, der Maler, der sich in der Inschrift über dem Kamin als „niemand geringerer als L.L.“ bezeichnet. „Turkobarock“ vom Feinsten, und Fallmerayer hätte sicherlich angesichts dieser Kunst die türkische Lebensart gerade mal anerkannt, aber mit Häme  den Niedergang der griechischen Kunst beklagt. Beliebt waren auch die Oberlichter in den vorspringenden Erkern aus buntem Glas, zusammengehalten von geschwungene Stegen aus Stuck. Im Gegensatz zu heutigen griechischen Haushalten standen nicht viele Möbel herum – sie waren vorzugsweise eingebaut, und zum Sitzen wie auch zum Schlafen begab man sich auf den „Sofas“, eine um den Raum herum laufende, niedrige Holzbank. Von hier aus hatte man, wenn die Luken der tief herunter gezogenen Fenster geöffnet waren, einen wunderbaren Blick auf die Landschaft und die Gärten mit ihren Feigenbäumen, Quitten und Granatäpfeln. Im Winter konnte man diese an den Wänden als Ornament gemalt, bewundern.

Im Ort Ampelaki sind noch drei bis fünf weitere Herrenhäuser dieser Zeit erhalten, teils restaurierungsbedürftig, teils im Stadium der Rettung. Der Rest ist neu, etliche Hotels und Privathäuser imitieren den Stil der Archontika in Beton – zum Davonlaufen. Nett ist die Plateia, der Dorfplatz, wo wir zum Tsipouro auch die ordentliche Portion Mesedes bekommen.

 

 

 

 

 

 

 

Kokkino Nero: Rote Wasserquelle und sowietische Auto-Sauna

An der Küstenstraße von Aghokampos nach Stomio in Richtung Thessaloniki findet man einen merkwürdigen Ort „Kokkino Nero“.  Hier biegt die Straße ab in die Berge, Richtung Karitsa.

Am Ortseingang von Kokkino Nero.

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Die Beckenkaskade in Kokkino Nero

„Kokkino Nero“ bedeutet rotes Wasser, und man versteht bald, warum der Ort so heißt. Ein kleies Bächlein, das von Mineralwasserquellen gespeist wird, verläuft neben der Straße zwischen den etwas schlicht wirkenden Ferienhäuschen, Hotels und Tavernen. Dafür liegen die beschaulichen Häuser unter hohen Platanenbäumen, hier ist es auch im Sommer angenehm kühl. Der kleine Bach ist rötlich gefärbt, und etwas oberhalb des Ortes sind seine Quellen zu kleinen Brunnen und Becken zusammengefasst. Die Becken sind mit trübem, intensiv braunrotem Wasser gefüllt.

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Eisenausfällungen färben den Schlamm nicht nur rötlich, sondern erzeugen schillernde Effekte auf der Oberfläche.

Doch das Wasser, das aus mehreren Rohren in die  Brunnenstuben und Becken fließt, ist zunächst einmal kristallklar. Viele Menschen kommen hier her, um sich das sagenhafte Heilwasser auf Flaschen abzufüllen. So, wie es aus den Rohren aus den Rohren plätschert,  ist es lauwarm und britzelt angenehm auf der Zunge. Weniger angenehm – man möchte sagen – widerlich! ist der Rostgeschmack.

 

Der liegt  aber nicht daran, dass die Leitungen etwa alt und korrodiert wären.  Das, was da aus dem Inneren der Berge zu Tage tritt, ist natürliches, stark eisenhaltiges, kohlensäurehaltiges Mineralwasser, ein natürlicher „Eisensäuerling“. Das Eisen liegt , wenn es aus der Quelle kommt, in schwach kohlensaurem Millieu als zweiwertiges Ion gelöst vor. Tritt es aber aus dem Rohr aus, und läuft langsam durch die nacheinandergefügten Rinnsale und Becken, so perlt die Kohlensäure langsam aus, und Sauerstoff tritt zu. Nun „rostet“ das Wasser. Es entsteht unlösliches Eisen(III), das als braunroter Schlamm von Eisenoxidhydraten ausfällt und zu Boden sinkt. Manchmal bilden sich Pfützen, auf dem ein blau schillernder Ölfilm zu liegen scheint. Niemand hat dieses Wasser mit altem Öl verseucht – was hier schillert, sind hauchdünne, schwimmende Schichten von Eisenoxiden auf dem Wasser. In größeren Mengen zum Dauerkonsum ist es allerdings nicht angeraten – es enthält, wie auch viele Trinkwasserquellen der Gegend, eine natürliche, aber nicht EU-konforme Menge der Schwermetalle Arsen und Antimon.

(Kasten: Mineralwasserchemie: eine Flasche frisch gezapftes Mineralwasser aus dem Brunnen von Kokkino Nero: noch ist es klar und sauber. Die Flasche wurde geschüttelt, die Kohlensäure entweichen lassen, und der Luft ausgesetzt: nun ist eine braune Trübung erkennbar.

Manche Leute baden in den schlammigen, rotbraunen Becken: wenn sie dann wieder heraus steigen, sehen sie aus, wie nach einem dreitägigen Aufenthalt im Sonnenstudio – nur ohne die lästige Faltenwirkung.

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In der Nähe des Brunnens haben sich Camper an einem Tischchen niedergelassen. Aus der Tanköffnung ihres Autos ragt ein langes Ofenrohr hinaus. Qualm tritt aus. Hinter dem Tankdeckel ist ein leichter Feuerschein zu sehen.

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Unsere neuen „Campingfreunde“ aus Taschkent mit ihrem Sauna-Lada.

Die vier Leute am Tisch haben gute Laune, sie winken uns zu sich heran. Nach den üblichen Fragen des woher etc. bieten sie uns überschwänglich selbstgemachten Likör aus Wodka, braunen Wahlnüssen an, Speck wird gereicht, Gurken aus eigenem Anbau, wir müssen uns dazu setzen. Es werden viele Wodka, und es kommt zu vielen überschwänglichen Verbrüderungsinszenierungen. Die beiden Männer und Frauen kommen aus Taschkent, leben seit der sowietischen Wende 1990 in Larissa, und genießen das Leben, ohne ihre bisherigen Präferenzen aufgegeben zu haben. Dazu gehört neben den kulinarischen und bacchiantischen Freuden vor allem die Sauna. Jetzt erst wird klar: der immer noch fahrtüchtige Lada ist eine mobile Sauna, und die roten Becken dienen nach dem Saunagang der Abkühlung. Rücksitze und Kofferraum wurden kunstvoll mit Holz vertäfelt, in einer Seitenverkleidung wurde kunstvoll ein Wappen mit „orthodoxem Doppeladler“ geschnitzt.

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Bitte einsteigen, es ist angeheizt !

Darüber steht „ΠΑΟΚ“: es ist das Symbol des traditionellen Fußball- und Handballoberligisten aus Thessaloniki (Panthessalonikischer Sportklub der Konstantinopler Griechen, Panthessalonikeios Athlitikos
Omilos Konstantinoupoliton). Der Verein entstand 1875 im griechischen Stadtteil von Pera (Istanbul), nach dem Bevölkerungsaustausch („kleinasiatische Katastrophe“) gründeten ihn griechische Flüchtlinge 1926 in Thessaloniki neu. Im neuen Wappen läßt der Adler –aus Trauer um die verlorenen Heimat, die Flügel hängen. Nach langen Finanzkrisen wurde der sportlich erfolgreiche Verein 2012 von dem russischen Geschäftsmann Ivan Savvidis übernommen.

Von Kokkino Nero aus empfielt sich die Weiterfahrt über Karitza, Stomio in das Mündungsdelta des Pinios nach Rapsani, oder aber nach Ambelakia, was dann das nächste Kapitel sein wird

Kokkino Nero: link zu Google-Streetview

Fisch aus dem Ofen nach Art der Schwiegermutter .

Der beste Fischhändler der Umgebung befindet sich  in Sotiritsa, genau gesagt, in Kato Sotiritsa. Behauptet meine Schwiegermutter, und vermutlich hat sie schon viele Fischhändler ihres Vertrauens gehabt, aber tatsächlich haben wir nur Gutes von den Fischhändlern ihres Vertrauens gegessen. Dazu muß man wissen, dass man in Griechenland heutzutage, wenn man guten Fisch findet, nicht in den Rezeptbüchern der Haute Cousine blättert. Fangfrischer Fisch wird nicht mit Senf- oder Mangosößchen zubereitet, deren Rezepte man eine Viertelstunde oder – noch schlimmer .- bereits zwei Tage zuvor bei „Chefkoch.de“ heruntergeladen hat, und an die man sich dann sklavisch hält. „Pahpapahpahpa“, würde meine Schwiegermutter sagen, höchstes Wort der Verachtung, wenn man fangfrische Fische auf diese Weise mißhandeln würde.

Fische werden entweder gegrillt (ohne alles, dann etwas Oregano „Rigani“)  drauf, serviert mit Zitronensaft, zusammen geschlagen mit ein paar wenigen Eßlöffeln Olivenöl. Variante: Das selbe in der Pfanne. Soße: niemals: (papapapaah !) .
Absolutes NO GO: Erfindungen deutscher Gastarbeiter, wie beispielsweise „Metaxasoße“ (kommt hier nur in Horrormärchen vor, die man sich in den seltenen, dunklen Wintermärchen erzählt)

Was noch als sozialadäquate Behandlung eines Fisches durchgeht: Suppe, z.B. „Kakavia“, einer Gemüsesuppe, in die die Fischer die Fische, die sie morgens frisch gefangen, aber mangels Größe  nicht an den Mann bringen können, hinein werfen.

Und dann: Plaki.

Um den Fisch „plaki“ zuzubereiten, wird er in dem Ofen nach einer Art Auflauf, und da ist ganz wichtig: mit viel Flüssigkeit (!!) lange geschmort. Auch nicht zu lange. Und nicht zu kurz. Deshalb bekommst Du ihn nicht „beim  Griechen“ bei uns.

Bevor wir nun in gewisse Grenzen gesetzt. Festkochend muß er auf jeden Fall sein. Und frisch. Zu frischem Fisch gibt es lediglich eina Alternative: Es darf auch Stockfisch sein, der getrocknet, seit dem frühen Mittelalter, als „Bachaliaros“ (ein verballhorntes Lehnwort aus dem deutschen „Kabeljau“) , oder eben „Stockfisi“,  aus Skandinavien importiert wurde. Der muß dann aber kompliziert gewässert und zubereitet werden –  allle meine Versuche, das so hinzubekommen, schlugen bislang fehl.

Psari (Fisch) plaki macht meine Schwiegermutter aber dennoch lieber aus frischem Fisch. In Sotirtsa sucht sie – unter massiver agitatorischer Mitwirkung der Fischfrau – den geeigneten Fisch aus. Die Wahl fällt auf „Milokopi“ (Μυλοκοπι), einen großen Fisch, nach dessen Übersetzung ich lange gegoogelt habe, und trotzdem nicht schlauer wurde. „Umber“ heißt er, er gehört zur Familie der Umberfische (aha!), wissenschaftlich nennt er sich Umbrina cirrosa, was ihm aber auch nicht weiter hilft, wenn er dann auf dem Teller landet. Es ist einfach nur ein großer, festkochender Fisch, sieht aus wie ein langer Karpfen, mit dem er aber nicht einmal entfernt verwandt ist.

Der Milokopi fliegt ein paarmal auf die Waage, als könnte sich sein Gewicht dabei zu Gunsten des Kunden verändern. Ganz billig ist er nicht. Seefisch ist schon lange in Griechenland ein Luxusartikel. Sonst würde man Fischstäbchen essen, die sich auch hier als preiswertes Importgut durchaus ihren Platz erobert haben.

So jetzt aber, zum nachmachen:

Mylokopi plaki (Μυλοκοπι πλακι):

1. Fisch kaufen.

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OK, den nehmen wir.

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Geht sogar noch, der Preis, für so ein fettes Teil..

 

2. Soßengrundlage zubereiten

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Ein bis zwei Zwiebeln, in Ringelein geschnitten, Petersilie, 3 Knoblauchzehen, 2 große, kleingeschnittene Tomate, 1 ganz klein geschnittene, grüne „türkische“ Paprika, Oregano, etwas Salz, Pfeffer, sonst nix…

(Es gibt ohnehin nur drei anerkannte Gewürze in der griechischen Küche. „Alati,Piperi, Lemoni. Meinetwegen auch noch Rigani, Skordo, Maidanos (Salz,Pfeffer, Zitrone, vielleicht noch Oregano, Knoblauch, Petersilie))

3. Viel Wasser (absolut wichtig, der Fisch muss schwimmen) und eine halbe Tasse  Tasse Olivenöl in den Bräter geben.

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.. dann ein paar, möglichst festkochende Kartöffelchen zugeben. Die müssen wirklich festkochend sein, sonst wird das nix. Und ach, bevor ich es vergesse: Lorbeerblätter dran werfen.

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Wichtig ist, dass der Fisch angeschnitten wird, bevor er in den Ofen kommt.

Ab in den Ofen !( ca.  zwei Stunden bei niedriger Hitze, so an die 180 Grad ….) Der Fisch darf keinesfalls trocken fallen. Lieber immer wieder reichlich Flüssigkeit nachgießen!

4. Genießen

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Namnamnam !

 

 

Mundraubzug durch die Gegend um Agia: von Feigen, einem unbekannten Kloster und wilden Trauben.

 

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Agiocampos, 1. September 2015

Wir beginnen den diesjährigen Griechenland-Blog mittendrin, in Thessalien, am Ortsausgang der Kleinstadt Agia (Thessalien). Hierher führte der Weg – wie schon oft beschrieben – über die krisenbedingt leergefegte Autobahn nach Larissa, von dort über die Landstrasse nach Agia. Auch die wurde schon beschrieben, und so machen wir uns nun von hier auf, Richtung Agiocampos, einer kleinen Feriensiedlung am Meer, wo wir bereits gestern ankamen – gegen einen dichten Strom von Wochenendkurzurlaubern, die in einer langen Autokaravane von den Küstensiedlungen wieder zurück in die Großstadt Larissa strömten. Für die meisten Griechen sind die Ferien längst vorbei, doch wer es sich noch leisten konnte, hat das heiße Wochenende noch einmal für einen kurzen Strandurlaub genutzt. Für uns jedoch beginnt die Verlängerung des Sommers, und wir starten also hier, am Ortsrand oberhalb von Agia, dort wo eine schmale Landstraße in den mit Apfelplantagen bedeckten Fuß des Ossa-Gebirges aufsteigt. Hin und wieder ein Traktor mit Spritzgerät, sonst begegnet einem niemand hier. Es ist auch nicht der übliche Weg aus Agia hinaus an die Küste, die man von hier nach knapp 10 Minuten Autofahrt erreichen kann. Ein Umweg durch die Berge, das Ziel: Mundraub. Vor allem auf Feigen haben wir es abgesehen. Das  ist nichts Illegales, jedenfalls nichts richtig Schlimmes. Denn die Feigenbäume  werden hier am Wegesrand selten beerntet, der überwiegende Teil der buschig, seltener wirklich baumförmig wachsenden Exemplare ist hier nicht bewußt angebaut worden. Es sind Gewächse, die überwiegend aus Samen entstanden sind, was im professionellen Feigenanbau niemals passiert, denn es „mendeln“ sich dabei etliche Wildformen heraus, die mehr oder weniger der Urform zustreben.  Die Sortenfamilie, die sich hier herausgebildet hat, ist verhältnismäßig kleinfrüchtig, im reifen Zustand gelblichgrün, nach der Ernte nicht einmal einen halben Tag haltbar, und deshalb vollkommen unverkäuflich. Dafür aber wahnsinnig lecker, und jedes Exemplar schmeckt anders. Es sind eigentlich die besten Feigen der Welt. Das weiß ich, denn ich habe schon viele Feigen gegessen. Solche, die im heimischen Supermarkt sehr gelegentlich zu finden sind, und aus der Türkei, aus Argentinien oder sonstwo eingeflogen wurden. Da liegen sie dann in so albernen Konfektpapiertütchen einzeln verpackt herum, werden dann auch noch Stückweise zu horrenden Preise verkauft – und schmecken dann doch selten richtig gut. Zum Angeben eignen sie sich allenfalls..

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Ficus carica. Feige mit Fruchtansatz. Sorte: „Die süße Halbwilde von Agia“.

Deshalb finden sie auch nicht das Interesse der Erwerbsbauern in Thessalien. Rund um Aghia machen sich schon seit Jahrzehnten vor allem die Apfelplantagen breit. Gerade Agia lebt von seiner Apfelindustrie. Lebte, denn jetzt hat auch die Ukraine-Krise mit dem Rußlandembargo zugeschlagen. So gingen vor dem Embargo 80% der grünen Äpfel von Agia nach Rußland – ein herber Schlag für die Bauern, die nicht mir-nichts-dir- nichts auf andere Produkte umstellen können.

Der Feigenbaum ist in die Jahre gekommen. Sicher über 50 Jahre alt, reckt er seine letzte frucht stolz in das Panoraqma des Tals von Agia. Die blauen Berge gegenüber gehören zum Gebirgsmassiv von Mavrovouni.

Der Feigenbaum ist in die Jahre gekommen. Sicher über 50 Jahre alt, reckt er seine letzte Frucht stolz in das Panorama des Tals von Agia. Die blauen Berge gegenüber gehören zum Gebirgsmassiv von Mavrovouni.

Zurück zu den Feigen. Sie gehören zu den ältesten Kulturpflanzen Eurasiens, älter als die meisten Getreidesorten. Wann sie sich von ihrem wilden – heute nicht mehr fassbaren – Vorläufern durch menschliche Selektion getrennt hat, ist weitgehend unbekannt. Die ältesten archäologischen Relikte stammen aus dem Westjordanland, Jericho und sind über 11.400 Jahre alt. Man fand sie in einem jungsteinzeitlichen Haus in der Siedlung Gilgal I. Dass es sich um „Kulturfeigen“ handelte, erkannte man daran, dass sie schon „parthenocarp“ angelegt waren, d.h. sie in einer Art „Jungfernzeugung“ Früchte ohne Befruchtung entwickelten.  Dennoch hat die Feige ein komplexes Sexualleben.

Es gibt zwei Unterarten der Feige. Die Bocksfeige (Ficus carica var. caprificus) enthält männliche und weibliche Blüten, aus den weiblichen entstehen jedoch keine essbaren Früchte. Befruchtet werden sie von der Feigengallwespe. Sie lebt in den weiblichen Blütenständen der Bocksfeige, die schon wie kleine Feigen aussehen. Im Inneren dieser kurzstieligen, grünen „Feigen“ befinden sich am Grunde weibliche Blüten, am „Ausgang“ (da wo bei den Früchten das „Loch“ ist), sitzen die männlichen Blüten. Die Wespe nimmt beim Verlassen der Bocksfeige den Pollen auf, und schwärmt davon. Die ungenießbare Bocksfeige fällt nach der Samenreife vom Stamm, was schon im Frühsommer passiert. Nun sucht die Wespe einen neuen Ort der Eiablage – und findet dann den Blütenstand einer kultivierte Eßfeige (Ficus carica var. domestica). Sie schlüpft hinein, um ihre Eier abzulegen. Dabei werden die rein weiblichen Blüten der Eßfeige befruchtet, die Samen können sich entwickeln. Aus diesen kann sich entweder wieder eine Bocksfeige oder eine Eßfeige entwickeln. Die meisten Kulturfeigen, die wir heute kennen, benötigen diesen Mechanismus jedoch nicht, um reife „Früchte“ zu entwickeln. Sie entwickeln den blütenstand bis zur Vollreife ohne Befruchtung. Das, was wir als „Feigenfrucht“ essen, ist eigentlich der Blütenstand. Im Inneren befinden sich die Blüten, bzw – nach der Befruchtung – die Samen.

Das komplizierte Sexualleben war schon den Menschen der Antike in Grundzügen bekannt. Da man wusste, dass die Kulturfeige zwar auch unbefruchtete Früchte reifen lässt, die Befruchtung aber den ertrag steigert, hängte man Zweige der Bocksfeige in die Feigenplantagen. „Caprification“ nannte man das. Im gesamten mediterranen Raum war die Feige außerordentlich beliebt. Sie lieferte – ohne dass man sich groß um die Pflege kümmern musste – enorme Mengen an Kohlehydraten, durch Trocknen ließ sie sich bequem konservieren. Im Laufe der Zeit ist eine enorme Zahl von Varietäten entstanden, es gibt gelbe, grüne, braune, violette und fast schwarze Feigen. Solche, mit dünner Schale, mit dicker Schale, und sogar solche, die gemäßigte Wintertemperaturen in Deutschland aushalten.

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Reife Feigen auf Gimritz. Ein seltenes Erlebnis nach einem milden Winter.

Ernten kann man Kulturfeigen bis zu drei mal im Jahr. Ende Mai wird die erste Serie reif, dann folgen Mitte August die Sommerfeigen, und eine dritte Generation etwas kleinerer Feigen versüßt den Herbst. In Agia kümmert sich indes niemand mehr um das Sexualleben der halbwilden Feigenbäume. Wer einen Feigenbaum im Garten haben will, fragt Freunde oder Bekannte um einen Ableger seiner  Lieblingssorte. Der Zweig kommt in Wasser oder feuchte Erde, wo er Wurzeln schlägt, und der raschwüchsige Baum trägt bereits nach zwei Jahren Früchte. Wenn man ihn nicht verschneidet: denn die Früchte wachsen nur an dem Holz, das im vorigen Jahre nachgewachsen ist. Frieren dem Hobbygärtner in Deutschland die jungen Triebe ab, wird der Baum meistens zwar überleben, aber er trägt dann im Folgejahr nicht.

Die enorme Fruchtbarkeit der Feige und ihr verlockend süßer Geschmack haben die Früchtchen schon früh in die Nähe antiker Lustgötter gestellt. Im antiken Griechenland war sie dem Dionysos heilig, und  aus ihrem Holz schnitzte man kleine Skulpturen des Priapos.

Mit dem „Feigenblatt“ bedeckten Adam und Eva ihre Scham, und Christus erläutert den Menschen, wie man falsche von richtigen Feigenbäumen unterscheidet: „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen“.

Das Kloster Panteleimonas bei Agia

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Wuff! der Hund wacht nicht nur über das Kloster, das sich oberhalb von Agia befindet.

Den sündigen Bauch gefüllt mit süßen Feigen, wenden wir uns dem kleinen Hinweisschild nach dem Kloster Panteleimonas zu. Nach 500 Metern staubiger Schotterpiste erscheinen seine frisch restaurierten Kuppeln hinter einer Lichtung, von mächtigen Eichen umstanden, von wo sich ein Blick über das Tal von Agia und reichhaltige Apfelplantagen ergibt.

Das Kloster ist ziemlich unbekannt, und das verwundert etwas, da es erst vor wenigen Jahren aufwändig restauriert worden ist. Es ist ein bedeutendes nachbyzantinisches Bauwerk. Das Katholikon, die Hauptkirche, wurde 1580 fertig gestellt. Die Nebengebäude stammen in Teilen aus dem 19, Jahrhundert, das meiste wurde jedoch erst vor wenigen Jahren in „traditionellem Stil“ neu errichtet.

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Agios Panteleimonaa, Ansicht von Draußen.

Ohne die Kuppeln der Kirche würde man das Kloster eher für einen verwahrlosten Hof halten. Hinter dem offen stehenden Garagentor macht sich jemand an einem Schrottauto zu schaffen, durch vertrocknetes Gras und Sträucher stolperst du über unmotiviert abgelegte Autoreifen, Plastekanister und allerlei Unrat. Aus dem Dach des Wirtschaftsgebäudes ragen mehrere improvisierte Blechrohre empor, Schornsteine, die den Rauch des zu runden, gewaltigen Stapels Brennholz abführen sollen, wenn es mal im Winter bitter kalt in den Zellen wird. Panteleimonas liegt nicht sehr hoch, vielleicht 150 Meter über dem nahe liegenden Meer, aber im Winter schneit es manchmal gewaltig. Hinter der Apsis des Katholikon ist eine Ziege eingestallt, und mehrere Hühner gackern auf, wenn du ihren Zaun,  der vor der Außenmauer der Sakristei mit Plastikplanen außenrum eingerichtet ist, passierst. Die Aufregung ist verständlich, denn gestern wurde gerade eines von ihnen gerupft, wovon die Unmenge Federn im Gelände Zeugnis ablegen.

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Das Katholikon.

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Pfoten lecken, zur Ehre des Herrn !

Vor dem Eingang des Klosters informiert die EU über Geschichte und Bedeutung der Anlage und über Kosten und Zeitraum der Restaurierungsarbeiten. Rechts und links wehen – aller EU zum Trotz – stolz die Flagge Griechenlands und die gelbe Flagge des byzantinischen Reiches, schwarzer Doppeladler auf gelbem Grund. Entsprechend eingenordet betrittst du demütig den Innenhof, wo Du von jammernden, total süßen (!!!) Katzen begrüßt wirst, die zwischen Basilikumtöpfen hervorkriechen, wo sie ihre Jungen versorgen.

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Christos Pantokrator. Fresko des 18. Jahrhunderts in der Kuppel des Katholikon von St. Panteleimonas, Agia.

Vor dem Eingang des mit einem gewaltigen Stahlschloss versehenen Katholikon erwartet dich ein hochbeiniger, rot-weißer Kater. Er macht vor, was Ehrfurcht bedeutet: erst kratzen und putzen. Sonst kommst Du hier nicht rein. Lange kratzen und putzen muß man nicht bei dem Mönch, der in grauem Arbeitskittel „zufällig“ aus der Pforte des Wohntraktes in den Hof schleicht, um dich nach deinem Begehr zu fragen. Er hat längst gesehen, wie du um den Hof geschlichen bist, mit deiner „Fotokamera“ . Das Katholikon von Innen ansehn, das willst du halt.  Wenn er dann nach einiger Zeit, während dessen du den meckernden Kater streichelst, mit dem gewichtigen Schlüssel kommt, wird er dich nicht ansprechen. Die Tür wird geöffnet, bitteschön. Dann ist er erst einmal weg (zum Katzenstreicheln?).

Die zentrale Kuppel schmückt Christos Pantokrator, der Alleinherrscher, über der Eingangshalle (Narthex) die Kimisis, eine Darstellung der Entschlafung Mariens. Werke des 18, Jahrhunderts, aus einer Zeit, aus der uns moderne griechiche Heldenmythen berichten, wie sich unter der Türkenherrschaft, wo jegliche Ausübung christlicher Religionen strengst verfolgt wurden, geheim man sich in irgendwelchen Schuppen getroffen habe  usw. Dieses Baudenkmal erzählt Anderes, wie so viele, in unserer Region. Den Kittelschürzenmönch solltest Du fragen, ob man hier fotografieren darf., „Ja, geht.“. Wieviel Mönche leben hier? „drei“. Langsam taut er auf.

Woher kommen Sie? „Deutschland.“

„Du bist Deutscher? Deutschdeutsch?“

„Ja, ja…“

„Habe auch Verwandte in Deutschland“

„Wo?“

„Ich war da nie. Ich kann mir auch keine Namen merken“

„Was tut Ihr hier so? Betreibt Ihr Landwirtschaft?“

„Nein“

„Ihr habt Hühner?“

„Ja schon. Ein paar Hühner haben wir“.

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Von Kloster Panteleimonas nach Sotiritsa. Eine typische Weggekreuzung mit der zugehörigen Straßenmöblierung. Staatliche Schilder: verblaßt, Telefonleitungen oberirdisch, Werbung unterirdisch. Hauptsache: Ecclisaki (kleine Blechkirche, wo man ggf., wann es pressiert, Kerzen drin anmachen kann)

 

Sotiritsa – wieder ein Ort mit vielen Namen

Der Weg führt, unter Gewährung vieler Aussichtsfenster auf Mavrovouni und der Ägäisküste,  hinunter  nach Ano Sotiritsa. Den Namen trägt der Ort seit Anfang des 20. Jahrhunderts, der Name soll wohl irgendwie an eine griechisch-christliche Vergangenheit erinnern. Vorher hieß der Ort Kapitsa, über die Umbennenung der Ortschaften habe ich schon letztes Jahr berichtet. „Sotiras“ ist christlich, und wichtiger noch „griechisch“ :  „Der Erlöser“.

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Ano Sotiritsa. Hübsch hier.

Die griechische Wikipedia-Seite zu dem Ort, von der ich nicht recht weiß, was ich von ihr halten soll, schreibt, dass im letzten Jahrhundert ein griechischer Grundbesitzer Ort und Land von „irgendeinem Türken“ gekauft habe, der Großgrundbesitzer stamme aus Axexandria, und habe Tribute von den Bauern verlangt: Landbau, Jagd, alles war seins.

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Ano (oberes) Sotiritsa.

Im Winter haben sie oben („ano“) gearbeitet, als Hirten, im Sommer unten („kato“) am „Campos“, der Niederung am Meer. Das ist glaubhaft, weil es typisch ist, für Ortschaften an den thessalischen Berghängen, die sich zum ägäischen Meer her offen. Wer es geschafft hat, lebt heute vom Tourismus in Kato Sotiritsa. Während „Ano Sotiritsa“ lange Zeit verlassen war, ist es heute für manche Ureinwohner ein begehrter Rückzugsort. Mit Geld, das man unten oder auch in der Provinzhauptstadt Larissa verdient hat, vielleicht auch als Gastarbeiter in Deutschland oder Australien, werden heute die verfallenen alten Häuser saniert. Ein Dorfplatz ist entstanden, eine Quelle eingefasst, inmitten eines kleines, von Platanen beschatteten Parkes.

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Ano Sotirtsa. Wildwachsende Trauben (Vitis vinifera), wild, sauer, voller Kerne: interessant, dekorativ, weniger schmackhaft.

 

 

 

Unser kurzer Reiseweg. 34 Minuten, sagt5 Google. Erntet man zwischendurch Feigen, und besucht Mönche, dauert es länger.

Unser kurzer Reiseweg. 34 Minuten, sagt Google. Erntet man zwischendurch Feigen, und besucht Mönche, dauert es länger.

 

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Blick ins Tal von Agia, Auf dem Weg von Ano nach Kato Sotiritsa.

Kato Sotiritsa ist eine Ferienhölle, in der man viel Geld machen kann. Touristenbusse, vorwiegend aus den slavischen Nachbarländern, lassen viel Geld hier. Von hier aus sind es nur drei Kilometer entlang der Küstentlinie nach Agiocampos.

Belege:

Äpfel: http://www.larissanet.gr/2015/02/13/to-empargko-sti-rosia-skotonei-to-prasino-milo-tis-agias/
(Insbesondere Grüne Äpfel betroffen: 80% gingen nach Rußland).

Am Anfang war die Feige: http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/1025837/

Der feige Sexualleben: http://waynesword.palomar.edu/pljun99b.htm